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Helmut Kohl: Kommentar: Zwei Seiten, eine Medaille

Von Der erste europäische Trauerakt ist vollzogen, Helmut Kohl gerühmt und geehrt und zu Grabe getragen worden. Straßburg, Ludwigshafen, Speyer – es gab keine besseren Orte, diesen großen europäischen Staatsmann, die europäische Lichtgestalt, die ihresgleichen sucht, zu betrauern.
Das Grab von Helmut Kohl auf einem Friedhof in Speyer. Foto: Boris Roessler Das Grab von Helmut Kohl auf einem Friedhof in Speyer. Foto: Boris Roessler

Der erste europäische Trauerakt ist vollzogen, Helmut Kohl gerühmt und geehrt und zu Grabe getragen worden. Straßburg, Ludwigshafen, Speyer – es gab keine besseren Orte, diesen großen europäischen Staatsmann, die europäische Lichtgestalt, die ihresgleichen sucht, zu betrauern. Es war ein würdiger Tag des Abschieds, ein angemessener. Deutschland/Europa – Europa/Deutschland, für Helmut Kohl waren das schon zu Lebzeiten zwei Seiten einer Medaille. So wie das Leben Helmut Kohls. Als Europäer gefeiert. In Deutschland nicht ohne Makel, in der CDU umstritten, in der Familie gescheitert.

<span></span> Bild-Zoom Foto: Salome Roessler

Die große europäische Idee wurde am Samstag an seinem Sarg mehrmals beschworen. Es war gleichsam eine Mahnung, Europa nicht Populisten und Nationalisten zu überlassen, die Europäische Union als Freiheits- und Friedensgemeinschaft zu bewahren. Zugleich wurde deutlich, woran es Europa mangelt: an einer Gestalt wie Kohl, an einem Politiker, der es versteht, die deutsche und die europäische Idee zu vereinen. Doch auch das war nur die eine Seite der Medaille an diesem Samstag.

Seit dem 16. Juni hat man viel von Kohls Größe gelesen, auch von der körperlichen. Ja, Helmut Kohl war ein großer Mann. Eine unbändige Kraft schien von ihm auszugehen. Man erinnere sich nur der Reaktion Kohls, als er in Halle mit Eiern beworfen wurde. Zwei Polizisten waren kaum in der Lage, den „schwarzen Riesen“ zu bändigen. Er war, und das sagen auch seine politischen Gegner, raumfüllend, omnipräsent. Der große Kanzler.

Abseits der Kameras, so sagte es Sandra Maischberger jüngst in einer Talkrunde, habe Kohl ihr von seinem „Talent“ erzählt, „Konflikte zu konservieren und sie bei Bedarf jederzeit aus dem Kühlschrank wieder rausholen“ zu können. Auch das war Helmut Kohl. Er beanspruchte bedingungslose Loyalität, duldetete keinen Widerspruch, war unversöhnlich und nachtragend, zornig, bisweilen rachsüchtig. Im politischen Geschäft, in der Familie. Wie es scheint, bis über seinen Tod hinaus.

Was genau passiert ist, in welchem Maße Maike Kohl-Richter Einfluss auf Entscheidungen ihres Mannes genommen hat, was hinter den Kulissen vorgefallen ist, können wir nicht beurteilen. „Ganz eindeutig. Ich bin glücklich“, hatte Helmut Kohl in November 2014 in einem Interview mit dem „Stern“ gesagt. Er habe von seiner jüngeren Frau „das Leben“ gelernt. 2014 war Kohl im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte, vielleicht war er es sogar bis vor wenigen Monaten oder Wochen noch.

Wir wissen nicht, welche Befugnisse Kohl seiner Witwe eingeräumt hat. Der europäische Trauerakt, heißt es, habe auf ausdrücklichen Wunsch des Altkanzlers in Straßburg, die Totenmesse in seiner Hauskirche, dem Speyerer Dom, stattgefunden. So würdig und angemessen er verabschiedet wurde, etwas störte. Viele seiner alten Weggefährten waren nicht eingeladen, die Familie fehlte – bis auf die Witwe – komplett. Es ist das Tragische an der Person Helmut Kohl, dass er, der Europa versöhnte und vereinte, unvereint und unversöhnt mit seinen Söhnen, Schwiegertöchtern und Enkeln betrauert und beerdigt wurde.

Die deutsche Einheit, fest eingebunden in die Europäische Gemeinschaft, wird zu Recht immer mit dem Namen Kohls verbunden bleiben. Das unwürdige Gezerre um den ihm gebührenden Abschied indes auch. Zwei Seiten einer Medaille.

simone.wagenhaus@fnp.de Berichte auf diesen Seiten

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