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Kommentar: Zweite große Harmonie-Inszenierung

"Seit je hat die Politik im Freistaat immer etwas von Komödienstadel. Je mehr es zugeht, umso größer ist der Erfolg – und je robuster und breitbrüstiger die Hauptdarsteller sich inszenieren, umso heftiger der Beifall", sagt unsere Kommentarschreiberin Cornelie Barthelme.
Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer. Foto: Andreas Gebert Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer.

Der Mann, der bald Ministerpräsident in Bayern werden soll, ist ein Mensch mit „charakterlichen Schwächen“ und Lust an „Schmutzeleien“, außerdem „von Ehrgeiz zerfressen“. So zumindest sieht ihn sein Vorgänger. In jeder anderen Partei müsste jetzt das große Fürchten anfangen – in der CSU aber können sie sagen: Gott sei Dank, es bleibt alles, wie’s schon immer war.

Hat vielleicht Max Streibl selig freiwillig an Edmund Stoiber übergeben? Hat der wiederum die Macht gern mit Theo Waigel geteilt? Und später aus eigenem Antrieb Erwin Huber Platz gemacht und Günther Beckstein? Und man stelle sich vor, Franz Josef Strauß wäre nicht mitten aus dem Regieren gerissen worden…

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Vielleicht hat Horst Seehofer das alte Bauern-Wissen vom „Übergeben? Nimmer leben!“ noch ein bisschen mehr umgetrieben als schon seine Vorgänger. Ganz sicher hat Markus Söder ihn viel länger und verbissener und, ja, auch skrupelloser vom Hof jagen wollen als je ein bayerischer Möchtegern-Ministerpräsident den Amtsinhaber. Und noch sicherer wiederum hat sich Seehofer das „Aber-a-Hund-isser-scho“-Prädikat schwerer und sturer verdient als Strauß und Stoiber zusammen.

Seit je hat die Politik im Freistaat immer etwas von Komödienstadel. Je mehr es zugeht, umso größer ist der Erfolg – und je robuster und breitbrüstiger die Hauptdarsteller sich inszenieren, umso heftiger der Beifall. Insofern waren Seehofer und Söder und ihr Kampf um die Staatskanzlei – und mithin auch um das Land – für die CSU lange Zeit sozusagen Kassenschlager. Zumal die Protagonisten sich so wunderbar ebenbürtig sind: gleich machthungrig, gleich populistisch, gleich selbstgewiss, gleich durchtrieben. Den Unterschied macht ihr Charme-Potenzial; da ist der vigilante Alte dem derben Jüngeren klar überlegen.

Dass Seehofer nun doch in den Regierungs-Austrag muss, hat ohnehin nicht Söder gemacht – sondern ganz alleine er selbst. In seinem Streit mit Angela Merkel über die Flüchtlingspolitik verließ ihn sein politischer Instinkt. Die angebliche plötzliche Versöhnung samt Lobpreis der Kanzlerin quittierten die Wähler mit Verachtung und Stimmenentzug. Seitdem ist die sonst so souverän mitschauspielernde CSU auf dem Paniktrip.

Und der könnte andauern. Wer weiß, wie das Publikum auf die zweite große Harmonie-Inszenierung reagiert. Wer weiß, ob sich der Raufbold Söder in einen Landesvater verwandeln kann. Wer weiß, ob sich zwei Instinktpolitiker monatelang zusammenreißen können. Ihre gegenseitige Verachtung in zumindest so etwas wie Akzeptanz verwandeln. Und falls wirklich – ob sie dann nicht nur noch aussehen wie ganz schlechte Schauspieler.

Die CSU tut begeistert; dabei ist sie einfach bloß erleichtert, für einen Moment. Und noch ist kein bisschen heraus, ob sie nicht in Wahrheit längst den Tragödienstadel bespielt.

politik@fnp.de Bericht Seite 3

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