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Kommentar zu Gen-Urteil: Für den Verbraucher, aber . . .

Von Es nennt sich Crispr-Cas9 und hat das Zeug zum Nobelpreis. Dieses Verfahren erlaubt wie bislang kein anderes ein präzises und schnelles Verändern des Erbguts – ganz ähnlich, wie das ohnehin in der Evolution passiert.
Foto: Boris Roessler/Archiv Foto: Boris Roessler/Archiv

Es nennt sich Crispr-Cas9 und hat das Zeug zum Nobelpreis. Dieses Verfahren erlaubt wie bislang kein anderes ein präzises und schnelles Verändern des Erbguts – ganz ähnlich, wie das ohnehin in der Evolution passiert. Und dennoch entschied gestern der Europäische Gerichtshof (EuGH), dieses Verfahren so streng zu regeln wie die klassische Gentechnik. Produkte, die damit verändert wurden, müssen außerdem gekennzeichnet werden. Bislang war das nicht so. Die Entscheidung des Gerichts ist ein kluges Abwägen von Vor- und Nachteilen. Aber sie gerät viel zu kurz.

Geklagt hatten französische Verbände mit dem Hinweis auf ungewollte Veränderungen, auf Mutationen, bei diesem Verfahren. Die es nachweislich geben kann. Bei der gewöhnlichen Zuchtmethode mit Strahlung und chemischen Stoffen treten jedoch deutlich mehr Mutationen auf. Zudem verändert Crispr-Cas9 im Gegensatz zur klassischen Gentechnik nur das bestehende Erbgut einer Zelle, schleust dort keine fremden Gene ein. Das Risiko mit Crispr-Cas9 scheint also gering. Dennoch – der EuGH folgte dem Vorsorgeprinzip: So lange es Risiken geben kann, geht die Gesundheit des Verbrauchers vor. Crispr-Cas9 ist also Gentechnik. Ausnahmen darf es geben – die aber streng geregelt werden müssen.

Ein Sieg für den Verbraucher und eine Absage an kommerzielle Interessen. Deshalb ist die Unzufriedenheit groß bei Bauern, Wissenschaftlern, Medizinern, Pflanzenzüchtern und Saatgutfirmen. Während die einen schon ein ertragreiches Geschäft mit Lizenzen für neu gezüchtetes Saatgut witterten, geht es indes vor allem der Forschung um die Chancen der neuen Methodik und die internationale Konkurrenzfähigkeit der Wissenschaft. Crispr-Cas9 gilt als Durchbruch in der Forschung: Hier bietet sich die Chance, endlich bislang unheilbare Krankheiten – vielleicht sogar Krebs – zu besiegen, gegen Schädlinge resistentes Getreide zu züchten oder größere Feldfrüchte bei geringerem Einsatz von Dünger und ohne Pestizide. Wollen wir darauf verzichten?

Das Urteil kann in der Tat für die europäische Forschung ein Nachteil sein, da zum Beispiel in den USA die Arbeit mit Crispr-Cas9 erlaubt ist und damit erzeugte Produkte und Medikamente längst auf dem Markt sind. Europas Gesetzgeber sind nun gefordert, genügend Ausnahmen für die Wissenschaft zuzulassen, damit diese im internationalen Wettbewerb nicht ausgebremst wird. Und – was viel wichtiger ist: Letztlich kommt es uns allen zugute, wenn wir uns neue Chancen auf eine nachhaltigere, gesunde Ernährung und die Heilung von Krankheiten nicht verbauen.

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