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Kommentar: Kommentar zu Irland: Längst überfällig

In der Innenstadt von Dublin versammelten sich Tausende Menschen, um das Ergebnis des Abtreibungsreferendums zu feiern. Foto: Niall Carson/PA Wire In der Innenstadt von Dublin versammelten sich Tausende Menschen, um das Ergebnis des Abtreibungsreferendums zu feiern.

Zwei Drittel der Iren haben „Ja“ gesagt. Das Abtreibungsverbot auf der grünen Insel wird aus der Verfassung gestrichen. Es ist ein längst überfälliger Schritt. Das Gesetz passte schon lange nicht mehr zu diesem liberalen, aufgeschlossenen und vielfältigen Land, das sich seit Jahren von der katholischen Kirche abwendet und Stück für Stück den Einfluss des Klerus auf Staat und Gesellschaft zurückdrängt. Erst vor drei Jahren stimmte, für viele Beobachter überraschend, die überwältigende Mehrheit der Iren in einem Volksentscheid für die Einführung der Homo-Ehe. Die Kirche lief Sturm, doch zu viele Skandale waren zuvor ans Licht gekommen, als dass sie dieselbe Autorität darstellen würde wie in der Vergangenheit. Verständlicherweise lassen sich die Menschen in moralischen Fragen nicht länger von ihr belehren. Über Jahrhunderte herrschte auf der grünen Insel ein von der Kirche gesteuertes Unterdrückungssystem, das vor allem auf Frauen abzielte. Nun endlich triumphieren sie nach diesem Votum. Und werden künftig auch vom Staat als vollständig mündige Bürger betrachtet.

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Katrin Pribyl

Bei diesem Referendum ging es nicht darum, ob jemand Abtreibungen befürwortet oder ablehnt. Nein, es ging darum, Frauen die Wahl einzuräumen – und nicht länger ein Problem auszulagern. Hunderttausende Irinnen reisten in den vergangenen Jahren vor allem nach England, oft voller Scham, einsam und traurig, um ihre Schwangerschaft zu beenden. Was auch immer die Beweggründe waren – ob nach einer Vergewaltigung, ob in einer heiklen Lebenssituation oder wegen medizinischer Gründe – alle kehrten als andere Menschen zurück in ihre Heimat, die ihnen selbst bei Problemschwangerschaften jegliche Hilfe verweigerte. Wie grausam, Frauen im Grunde als Mörderinnen zu behandeln, wenn die Entscheidung, ein Kind nicht auszutragen, ohnehin hochemotional und schwierig ist. Dazu keineswegs so schwarz und weiß, wie viele Pro-Leben-Aktivisten das suggerierten. Während über Jahrzehnte Frauen meistens in aller Stille litten, ermutigte diese Volksabstimmung nun Tausende dazu, ihre persönlichen Schicksale zu erzählen, ein Tabu zu brechen. Die Berichte waren niederschmetternd. Gleichzeitig mobilisierten sie die Menschen, diesen unsäglichen Verfassungszusatz zu kippen.

In der Republik wird nun gefeiert, während auf der anderen Seite der Grenze in Nordirland das strikte Abtreibungsverbot weiterhin besteht. Als 1967 in England, Wales und Schottland Schwangerschaftsabbrüche legalisiert wurden, ignorierte die Regionalregierung in dem nördlichen Landesteil schlichtweg das Gesetz. Wegen des Nordirlandkonflikts mischten sich britische Politiker über Jahrzehnte nicht ein und taten so, als ginge es sie nichts an, dass in einem Teil ihres Landes ein frauenverachtendes System herrscht, das Betroffene zwingt, fern von Familie und Freunden ihre Schwangerschaft zu beenden. Am Wochenende meldeten sich zwar erste Abgeordnete zu Wort und forderten eine Anpassung. Das Abtreibungsverbot dürfte sich trotzdem in naher Zukunft nicht ändern. Nordirland hat derzeit keine funktionierende Regionalregierung, zudem duldet die rückständige und erzkonservative Unionisten-Partei DUP aus Nordirland die Minderheitsregierung von Premierministerin Theresa May.

politik@fnp.de Bericht auf dieser Seite

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