E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Frankfurt am Main 30°C

Kommentar: Kommentar zu Jugendämter: Eine Blamage

Von Wenn der „Skandal!“-Schrei nicht längst entwertet wäre durch inflationären Gebrauch, dann wäre dies Skandal zu nennen: Knapp zwei Drittel ihrer Arbeitszeit verbringen die Sozialarbeiter der deutschen Jugendämter mit – Dokumentationspflichten.
Ein Schild mit dem Schriftzug „Jugendamt”. Foto: Max Nikelski/Archiv Ein Schild mit dem Schriftzug „Jugendamt”.

Wenn der „Skandal!“-Schrei nicht längst entwertet wäre durch inflationären Gebrauch, dann wäre dies Skandal zu nennen: Knapp zwei Drittel ihrer Arbeitszeit verbringen die Sozialarbeiter der deutschen Jugendämter mit – Dokumentationspflichten. Für die Kinder, Jugendlichen, auch deren Eltern, denen sie helfen wollen, bleiben von jeder Stunde gerade mal 22 Minuten.

<span>Cornelie Barthelme</span> Bild-Zoom
Cornelie Barthelme

Gut ein Drittel dieser Experten hat kein Einzel-Büro, kann also das Persönlichkeitsschutzbedürfnis der Klienten nicht erfüllen. Und mehr als zwei Drittel verfügen nicht einmal über das Standardgerät moderner Arbeits-Kommunikation: ein vom Dienstherrn gestelltes Mobiltelefon. Was, wenn ein Kind sich in Not fühlt, akut? Was, wenn der Helfende selbst in Not gerät, bei einem Hausbesuch etwa?

Blick auf die Beschilderung an einem Jugendamt. Foto: Bernd Weißbrod/ Archiv
Personalmangel Kinderhilfe warnt: Viele Jugendämter sind überlastet

Die Zahl der Kindeswohlgefährdungen hat in Hessen zugenommen. In einer Studie der Hochschule Koblenz wird über zu wenig Personal, hohen Verwaltungsaufwand und schlechte Ausstattung bei den Jugendämtern geklagt. Die Deutsche Kinderhilfe schlägt Alarm.

clearing

Die Studie über den Alltag des sogenannten Allgemeinen Sozialen Diensts (ASD) ist ein Buch des Versagens. Nicht der ASD-Fachkräfte, auch nicht der Kommunen, denen die Jugendämter zugeordnet sind. Es versagt, in diesem Fall, das föderale System. Weil wegen ihm die Jugendämter strukturell am Rand der Grundgesetzwidrigkeit balancieren. Nur in der Theorie nämlich sind alle Kinder, Jugendlichen, Eltern vor dem Jugendhilfegesetz gleich.

In der Praxis kommt es darauf an, ob sie in einer reichen Gemeinde zu Hause sind – oder in einer armen Stadt. Ob sie einer von weniger als 50 Fällen sind – „Fall“ ist noch immer die Zähleinheit – oder von mehr als 100, für die ihr Experte zuständig ist. Und man soll ja nicht glauben, nur die Klienten litten unter den im Schnitt lausigen Bedingungen. Auch ihre Betreuerinnen und Betreuer sind erzürnt und erschöpft und frustriert und verunsichert; all das lässt sich nachlesen. Und auch, dass sie sich genau deshalb gern rasch wieder verabschieden aus diesem System der Unzulänglichkeit. Und nein, Olaf Scholz wird es nicht gerne hören, dass Wissenschaft und Praktikerinnen und Kinderlobby in engstem Schulterschluss Bundestag und Bundesregierung im Zentrum der finanziellen Pflicht sehen. Dass sie eine bundesweit gültige „Fallzahlbegrenzung“ von maximal 35 fordern. Und endlich einen Kinderbeauftragten, der oder die dafür sorgt, dass sich die tiefe und weite Kluft zwischen Gesetz und Wirklichkeit schließt. Außerdem, dass die aktuell 13 355 Pädagogen mindestens 16 000 weitere Kolleginnen und Kollegen bekommen, damit den derzeit mehr als eine Million Betreuten wirklich so geholfen werden kann, wie es der viertgrößten Wirtschaftsmacht der Welt entspricht.

Dass es nicht längst so ist: ein Skandal, ein wirklicher. Und eine Blamage obendrein.

Zur Startseite Mehr aus Meinung der Redaktion

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen