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Nach Rücktritt: Kommentar zu Özil: Doppelmoral vom Feinsten

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Mesut Özil. Foto: Federico Gambarini Mesut Özil.

Die politisch etwas naive Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD) gehört zu jenen, die voll in die ideologische Falle getappt sind, die Mesut Özil, oder besser seine Berater, ausgelegt haben. Sie wittert hinter der Kritik an Özil Rassismus. Den gab es zwar auch, denn zweifellos haben sich rechte Kreise an die Empörung über Özil drangehängt. Aber die Kritik war überwiegend gut demokratisch motiviert.

Um den Vorfall noch mal einzuordnen, muss man sich kurz vorstellen, wie die deutsche Öffentlichkeit vor sechs Jahren auf eine solche Aktion von Özil reagiert hätte. Etwas Ärger hätte es auch gegeben, aber er hätte sich in Grenzen gehalten. Denn, und das ist der entscheidende Unterschied: Damals wähnte man die Türkei noch auf dem Weg zur Demokratie und in die EU. Fotos mit einem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan wären somit keine Werbung für einen Autokraten gewesen, der kritische Köpfe einsperrt.

<span></span> Bild-Zoom Foto: (FNP)

Dagegen wusste man damals wie heute, dass es Spieler mit mehreren Loyalitäten geben kann, also, wie Goethe sagt, mehrere Herzen in einer Brust schlagen können. Kaum jemand empfindet es als Drama, dass Fußballer, die oder deren Eltern in anderen Ländern geboren wurden, sich genau überlegen, für welche Nation sie spielen wollen. Die Entscheidung hängt nicht selten auch mit sportlichen Chancen zusammen. Das sieht man wunderbar am Beispiel der Gebrüder Boateng: Kevin Prince entschied sich für Ghana, wo im Mittelfeld die Konkurrenz nicht so groß war, Jerome für Deutschland. Dass AfD-Chef Alexander Gauland vor zwei Jahren auf großen Widerstand stieß, als er auf Distanz zu Jerome Boateng ging, zeigt im übrigen, dass Rassismus bei den Fußballfans keine breite Basis hat. Man nahm Özil übel, dass er sich für die Propaganda eines Autokraten einspannen ließ und sah ihn als schlechtes Vorbild für die Deutschtürken. Viele genießen wie Özil hier die Segnungen der Demokratie, wollen sie aber der Türkei nicht gönnen und wählten mehrheitlich Erdogan.

Dass der DFB sich falsch verhielt, steht außer Frage. Zunächst glaubte der Verband, auf Özil nicht verzichten zu können. Als es aber in Russland sportlich nicht lief, wurde nachgetreten. Aber das rechtfertigt nicht Özils Angriff auf die deutsche Öffentlichkeit. Kaum eine Zeitung hat ihn zum Sündenbock für das sportliche Versagen bei der WM gemacht – ganz im Gegenteil wurden entsprechende Andeutungen des DFB zum Beispiel an dieser Stelle als „versteckte Fouls“ gewertet.

Wenn Özil sich von aller Schuld reinwaschen will, indem er der deutschen Öffentlichkeit Rassismus vorwirft, ist das in keiner Weise zu akzeptieren. Dass ihm manche linken Traumtänzer hier auch noch recht geben, zeugt von trauriger Selbstkasteiung. Auf Deutschland bezogen werden Vaterlandsliebe und Identitätsdenken misstrauisch beäugt. Bei anderen Gruppen begegnet man diesen Werten dagegen mit viel Verständnis und Respekt – selbst dann, wenn sie wie im Fall Özil dazu dienen, die Liebedienerei gegenüber einem Autokraten zu bemänteln. Das ist wahrlich Doppelmoral vom Feinsten.

dieter.sattler@fnp.de

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