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Kommentar: Kommentar zu den USA: Das Phänomen Trump

Donald Trump, amerikanischer Präsident Foto: Evan Vucci/AP Donald Trump, amerikanischer Präsident
<span>Dieter Sattler</span> Bild-Zoom Foto: (FNP)
Dieter Sattler

Manche in Europa machen es sich mit ihrem Urteil über US-Präsident Donald Trump zu leicht: arroganter Wirrkopf, ja Idiot – heißt es nicht selten lapidar. Viele verurteilen mit ihm gleich die Amerikaner mit, die ihn gewählt haben. Doch nach unserem Wahlsystem hätte Trump gar keine Mehrheit gehabt. Absolut gesehen hatte seine demokratische Konkurrentin Hillary Clinton mehr Stimmen, aber die Besonderheiten des US-Wahlsystems bescherten Trump den Sieg. Außerdem muss man bei der niedrigen Wahlbeteiligung in den USA bedenken, dass nur eine relativ kleine Minderheit der Wahlberechtigten sich für Trump entschieden hat.

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Aber auch wenn man sich die Person selbst anschaut, ist es nicht so einfach, wie viele glauben. Natürlich wirkt Trump anmaßend, sexistisch, herzlos, zuweilen dreist und brutal. Er kommt nicht einmal sympathisch rüber. Aber er schafft es, obwohl selbst zu den Super-Reichen zählend, seinen Wählern das Gefühl zu geben, einer von ihnen zu sein. Typisch dafür war seine Pressekonferenz in der vergangenen Woche. Trump redete teilweise so wirr, wie man es sich vom mächtigsten Mann der Welt nicht wünschen kann. Der Präsident ist dazu imstande, in einem Atemzug den nordkoreanischen Diktator zu einem gefährlichen Schurken zu erklären und dann wieder zu einem liebenswerten Kerl, dem man nur vertrauen könne.

Eigentlich verrückt. Aber so sprunghaft und assoziativ wie Trump reden viele Leute auf der Straße. Er holt sie damit ab.

Nach seiner Wahl schaffte Trump es, auf der großen Bühne so zu wirken wie der Präsident eines kleinen Football-Klubs bei der Weihnachtsfeier. Apropos Sport: Es gab mal einen deutschen Kaiser, bei dem viele ähnlich wohlwollend durchgehen ließen, dass er sich in jedem zweiten Satz widersprach: Franz Beckenbauer. Der ist aber hierzulande mit einigen Ungereimtheiten rund um die WM-Vergabe 2006 in Ungnade gefallen, bei denen in den USA zumindest die Trump-Anhänger wahrscheinlich ungerührt geblieben wären. Deswegen werden Trumps Anhänger wahrscheinlich auch die neuen Berichte über seine Steuertricksereien nicht groß empören.

Nicht wenige von ihnen glauben, dass Trump mit seiner Art die Dinge als Geschäftsmann anzugehen, Bewegung in ihr Land und in die internationalen Beziehungen gebracht hat. Deshalb sind auch die Demokraten nicht gut beraten, Trump nur zu verunglimpfen. Auch in der politischen Mitte konstatieren viele, dass die Wirtschaft ihres Landes brummt. Die Klügeren unter Trumps Anhängern wünschen ihn etwas zurückhaltender, rationaler. Aber das wird er nicht liefern können, ähnlich wie es keine „vernünftige“ AfD geben kann.

Eine große Gefahr bei Trump und den Seinen ist wie bei anderen Populisten, dass der extreme Spin, mit dem die Realität betrachtet wird, bis zur kompletten Verdrehung der Tatsachen führen kann. Wenn es aber gleichgültig ist, ob man die Fakten nur in seinem Sinn interpretiert, was alle Parteien machen, oder ob man dreist lügt, wird es schwierig, an einem für alle verbindlichen Wahrheitsanspruch festzuhalten.

Sieht man in den USA den rechten Sender Fox News und dann den eher linksliberalen Kanal CNN könnte man glauben, es gebe zwei grundverschiedene Wirklichkeiten. CNN hat genauso wenig immer recht wie die demokratische Partei, aber lässt in Diskussionen die andere Meinung zu und schafft dadurch die theoretische Möglichkeit zu Kompromissen. Und davon lebt die Demokratie.

Um Populisten wirksam entgegenzutreten, braucht es aber demokratische Anführer, die plausibel machen können, dass auch eine konsensorientierte Ordnung sich nicht bis zur Handlungsunfähigkeit in Verfahrensfragen erschöpft, sondern komplexe Probleme angehen und lösen will.

dieter.sattler@fnp.de Bericht Seite 3

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