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Kommentar zum Fall Susanna: Die Ausbeutung von Gefühlen

Von Wenn der junge Iraker Ali Bashar im Herbst 2015 nicht mit seiner Familie hätte nach Deutschland kommen können, würde er jetzt nicht unter Verdacht stehen, die 14 Jahre junge Susanna aus Mainz vergewaltigt und getötet zu haben.
Foto: Arne Dedert (dpa)

Ja, so ist es: Wenn der junge Iraker Ali Bashar im Herbst 2015 nicht mit seiner Familie hätte nach Deutschland kommen können, würde er jetzt nicht unter Verdacht stehen, die 14 Jahre junge Susanna aus Mainz vergewaltigt und getötet zu haben. Das Mädchen würde – so die Polizei in Ali Bashar den Täter ausgemacht hat – noch leben. Und nach Ali Bashar, der in sehr nahem zeitlichen Zusammenhang zum Tod von Susanna mit Eltern und Geschwistern unter falscher Identität Deutschland verließ, würde nicht gefahndet werden.

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Alles Konjunktiv. Die Wirklichkeit ist anders. Grauenvoll für Susannas Familie, an die zuallererst zu denken ist. Schrecklich für ihr nächstes Umfeld. Erschreckend für alle, die von der Gewalttat erfahren – ob im Rhein-Main-Gebiet oder sonstwo in der Republik. Sofort sind die Erinnerungen da an die Studentin Maria aus Freiburg und die Schülerin Mia aus Kandel.

Und bestätigend ist diese Wirklichkeit für alle, die gerne das glauben, was ihnen die AfD bei jeder Gelegenheit erzählt: Dass Deutschland von Angela Merkel vorsätzlich mit Mördern, Vergewaltigern, Messerstechern geflutet werde. Die Donnerstagmorgen-Version serviert im Bundestag Bernd Baumann bei der Debatte über den Familiennachzug für Kriegsflüchtlinge: „Natürlich sind nicht alle kriminell.“ Was selbstverständlich heißen soll: Aber die meisten schon. Das ist ungefähr so wahr wie die Feststellung, alle Deutschen seien humorlose Pedanten. Der Unterschied: Das zweite Urteil ist auch dumm und falsch – aber es richtet keinen Schaden an.

Die große Zahl von Flüchtlingen hat wirkliche und gefühlte Folgen. Wahr ist, dass männliche Jugendliche und junge Männer häufiger gewaltkriminell sind, als es ihrem Anteil an der Bevölkerung entspricht; Studien belegen das. Gefühlt – und von den Gegnern jeglicher Migration behauptet – wird, dass die ganze Republik ein unsicherer Ort geworden ist, an dem Mädchen und Frauen ihres Lebens nicht mehr sicher sind. Die Statistiken sagen das Gegenteil; die Kriminologen auch. Aber das hilft nicht gegen Unsicherheit und diffuse Ängste, deren Aufflackern typisch ist für Gesellschaften im Wandel. Und wer wollte behaupten, dass Deutschland sich nicht in einem fort verändert: von der geteilten zur noch immer nicht wirklich vereinten Nation; vom klassischen Industrieland zur durchdigitalisierten Gesellschaft – und die Menschen darin zerrissen zwischen den Sehnsüchten nach höchster Individualität und nach tiefster Solidarität. Wie unmenschlich wäre es, ließe ein Verbrechen wie das an Susanna nicht Zorn und Verzweiflung und Hilflosigkeit aufwallen. Wie unklug aber, in diesem Gefühlsaufruhr zu verharren. Und wie billig und perfide ist es, diese Emotionen anzustacheln und auszubeuten – und mit Stimmungen Politik zu machen statt mit Argumenten.

Lässt sich die Republik darauf ein, wird sie Schaden nehmen. Bislang widersteht sie. Messbar. Mit gut 85 Prozent.

 

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