E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Frankfurt am Main 24°C

Kommentar zum Pflegenotstand: Irgendwo muss man anfangen

Von
Symbolbild Foto: Oliver Berg (dpa) Symbolbild

Im Bundestagswahlkampf vor einem Jahr hatten die Parteien der großen Koalition vollmundig 8000 neue Pflegekräfte versprochen. Grüne und Sozialverbände nannten das einen Tropfen auf den heißen Stein.
Gebraucht würden mindestens 80 000. Das stimmt immer noch.

Insofern sind die jetzt von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) versprochenen 13 000 neuen Pflegestellen vor allem für den Krankenhaus-Bereich immer noch relativ wenig. Vor allem lindert das nicht die Not in den rund 15 000 Pflegeheimen in Deutschland. Dort bleibt die Personallage schlecht. Wenn man bedenkt, dass in vielen Heimen nachts zwei Pflegekräfte um die 80 Patienten versorgen müssen (davon viele Schwerstfälle), ist klar, dass die Spahn-Maßnahme kaum nachhaltig hilft.

Aber es nutzt auch nichts zu lamentieren, dass eh alles nichts bringt. Irgendwo muss man anfangen, wenn die Pflege-Katastrophe nicht noch größer werden soll. Denn woher man die geforderten 80 000 neuen Pflegekräfte nehmen will, die es eigentlich braucht, können auch die Grünen nicht beantworten. Qualifiziertes Personal wächst nunmal nicht auf den Bäumen. Außerdem braucht das Land ja noch insgesamt Hunderttausende neue Lehrer, Erzieher und Polizisten.

Dieter Sattler Bild-Zoom Foto: (FNP)
Dieter Sattler

Schon die 13 000 Kräfte, die Spahn jetzt ankündigt, gibt es nicht einfach so auf dem Arbeitsmarkt. Tatsache ist, dass die Politik jahrelang geschlafen und nicht vorgesorgt hat. Tatsache ist auch, dass die massive Zuwanderung der vergangenen Jahre die Personalprobleme in Kliniken, Kitas, Schulen und bei der Polizei so verstärkt hat, wie es um 2005 nicht ohne weiteres absehbar war. So war man an Hessens Schulen und auch zum Beispiel am Wohnungsmarkt in Frankfurt damals noch von schrumpfendem statt steigendem Bedarf ausgegangen. Jetzt muss der Schalter innerhalb kurzer Zeit umgelegt werden. Operation am offenen Herzen also. Auf Sicht können die Personalprobleme höchstens gelindert, aber nicht gelöst werden. Denn gute Ausbildung, die die potenziellen Fachkräfte in sozialen Berufen benötigen (so es diese Personen in ausreichendem Maße überhaupt gibt), braucht Zeit.

Und speziell beim Pflegeberuf ist es noch dazu fraglich, ob er für junge Leute überhaupt attraktiv ist. Um hier eine Imageverbesserung zu erreichen, muss die Bezahlung erhöht, die soziale Anerkennung verbessert und der Stress reduziert werden. Aber zur Wahrheit gehört auch, dass bessere Bezahlung der Pflegekräfte bald zur Erhöhung der Beiträge führen würde. Und da beißt sich die Katze in den Schwanz. Gute Pflege will jeder, aber niemand will dafür mehr bezahlen. Es wäre zu einfach, das nur als moralischen Vorwurf zu formulieren. Denn wenn öffentliche Kosten steigen, wird gerne die hart arbeitende, einigermaßen gut verdienende Mittelschicht überproportional herangezogen. Und die ist steuer- und abgabentechnisch in Deutschland ohnehin schon so gebeutelt wie in kaum einem anderen Land.

dieter.sattler@fnp.de

Zur Startseite Mehr aus Meinung der Redaktion

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen