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Kommentar zur Bildung: Stadt, Land – und kein bisschen Bund

Symbolbild Schule Foto: dpa / Symbolbild Symbolbild Schule

In Berlin sind noch Ferien. Eine gute Woche also wird es dauern, bis die Republik sich wieder ein bisschen gruseln darf über die schäbigsten Schulen der Republik. Die Boulevardblätter lieben die Schlagzeilen über den „Schrott“, der offiziell Gymnasium heißt oder Grundschule. Es wird dann sehr schnell wieder vom Geld geredet werden: Der sogenannte Sanierungsstau beträgt knapp vier Milliarden Euro allein für die Berliner Bildungsanstalten – die man so titulieren darf, weil viele so alt aussehen wie diese Bezeichnung klingt. Und nein: Es steht in anderen Bundesländern nicht anders. Auch der selbst ernannte Bildungsprotz Bayern scheucht Schulkinder auf Ekel-Klos, die Toilette zu nennen sich verbietet.

Cornelie Barthelme Bild-Zoom
Cornelie Barthelme

Keine Kanzlerin aber, die Deutschland vor zehn Jahren zur „Bildungsrepublik“ ausrief, und auch sonst kein Politiker stellt laut die Frage, was eigentlich Kinder von einem Staat halten sollen, der sie zehn oder 13 Jahre in solche Halbruinen schickt, und gleichzeitig von ihnen verlangt, Leistung zu bringen. Mit welcher Vorstellung von ihrem eigenen Wert – auch für die Gesellschaft – wachsen Jungs und Mädels auf, wenn dieser Gesellschaft selbst eine grundgepflegte Arbeitsumgebung für sie zu teuer ist? Und darf man ihnen, wenn sie dann schon fast erwachsen sind, wie jüngst bei der Sommerloch-Diskussion über Wehr- oder Pflichtdienst, allen Ernstes mit dem Kennedy-Satz kommen, der ihnen abverlangt, etwas zu tun für ihr Land?

Teil eins – dass das Land nichts für sie tut oder mindestens viel zu wenig – gehört zu ihren Grunderfahrungen. Weil gerade Sommer ist, nicht irgendeiner, sondern mit dem Wörtchen Rekord davor: Seit Jahrtausendbeginn ist jedes zehnte Schwimmbad geschlossen worden. Und vom Rest rotten viele herunter wie die Schulen. In der Folge mutiert Deutschland schön langsam zur Republik der Nichtschwimmer – was kreuzgefährlich ist. Ja, Bäder sind ein Zuschussgeschäft. Aber darf deshalb ignoriert werden, dass sie ein Ort sind – einer von nur noch wenigen –, der soziale und kulturelle Klüfte unsichtbar macht und irrelevant für ein paar Stunden?

Was das alles mit Berlin zu tun hat, mit Bundesregierung und Kanzlerin? Ja, Bildung ist Ländersache, und Bäder gehören den Kommunen. Aber das Sparen als Staatsziel wurde im Kanzleramt erfunden und die schwarze Null als Ersatzreligion im Bundesfinanzministerium. Darum, dass mit zu wenig Geld trotzdem alles funktioniert, die Städte nicht herunterkommen und die Landstriche sich nicht leeren, die Kinder schwimmen und 3D-Drucker-Bedienung lernen, kurz: um den Alltag der Menschen – darum sollen sich andere kümmern, gefälligst.

Wenn die Kanzlerin aus den Ferien kommt, am Montag, wird das so weitergehen. Das Spiel funktioniert ja. Es heißt Stadt, Land – und kein bisschen Bund.

politik@fnp.de

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