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Kommentar zur Dürre: Arme Bauern? Armes Land!

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Symbolbild Foto: Oliver Berg (dpa) Symbolbild

So viel wie selten wird gerade über die Bauern geredet. Und viel und laut redet auch ihr oberster Lobbyist Joachim Rukwied, Präsident der größten landwirtschaftlichen Berufsvertretung. Ist sein Job. Muss er tun. Schade ist nur, dass Rukwied ausschließlich Euros zählt, angesichts der großen Dürre. Er hat deren Folgen zu einer massiven Zahl aufsummiert. Eine Milliarde. Will er vom Staat. Knapp 0,3 Prozent des Bundes-Etats für 2018. Klingt nach wenig. Gut 20 Prozent mehr, als das Ressort für Justiz und Verbraucherschutz ausgeben darf. Klingt nach viel.

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Cornelie Barthelme

Wer statt über lieber mit Bauern redet, solchen mit Familienbetrieben, hört zwar auch von Ernteausfällen und von Kühen, die weniger Milch als geplant geben, weil sie statt Weidegras jetzt schon das Winterfutter fressen. Und von den Nöten, die das erzeugt. Noch wichtiger aber ist vielen Bauern, dass sie auf noch mehr Geld vom Staat am allerliebsten verzichten. Weil sie ihren Gewinn lieber selbst erwirtschaften. Was aber schon in Jahren ohne zu viel Sonne oder Regen oder Hagelschlag nicht möglich ist. Nicht nur, weil „Lebensmittel in Deutschland günstiger sind als fast überall auf der Welt“.

Man kann mit dieser Diagnose den Vorsitzenden des Landwirtschaftsausschusses im Bundestag zitieren, den CDU-Mann Alois Gerig; ein Bauer auch er. Und man kann das für die übliche Jammerei halten – oder auch für beruhigend. Wenn man Verbraucher ist und sich keine Gedanken darüber machen will, was von fünf Euro fürs Kilo Schweinekotelett, von 55 Cent für den Liter Milch und 14 fürs Brötchen dem Bauern bleibt.

Alle anderen könnten, zuallererst, angemessene Erzeuger-Preise für sinnvoll halten. Sich dann erinnern, dass Klimaforscher schon lang vor immer mehr und immer heftigeren Extrem-Wetterlagen warnen. Sie sind die direkten Folgen der Lebensweise, für die Politik und Gesellschaft sich entschieden haben. So, wie sie sich im vergangenen Jahrhundert darauf festlegten, Lebensmittel bevorzugt industriell produzieren zu lassen, vom Rohstoff bis zum Endprodukt – und ein stützendes Subventionssystem zu installieren. Je größer die Äcker und Ställe – je mehr Beihilfen. Die, nebenbei, zahlt auch der Verbraucher. Nur eben nicht an der Kasse im Supermarkt.

Aber wer interessiert sich wirklich für Monokulturen auf den Äckern vorm Automaten beim Discounter, der zwölf Stunden täglich Billigstbackwerk ausspuckt? Wer für die Methanrülpser aus Kuhmägen beim Griff zum Joghurt für 19 Cent? Wer für die Gülleseen mit dem Frischgegrillten im Mund? Wer hat Lust, diese hochkomplexen Zusammenhänge zu durchdenken, statt sich auf das ewige Wer-zahlt?-Hoffentlich-nicht-ich!-Spiel einzulassen? Kurz: Wer möchte aufs Gewohnte und Bequeme und Wohlfeile verzichten zugunsten von Umwelt und Klima?

Keine Politik. Kein Bauernverband. Keine Verbraucher. Armes Land.

politik@fnp.de

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