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Kommentar zur Kanzlerin: Ohne Strahlen, ohne Kraft

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Angela Merkel (CDU) spricht bei einer Gedenkveranstaltung für den Brandanschlag in Solingen. Foto: Henning Kaiser (dpa) Angela Merkel (CDU) spricht bei einer Gedenkveranstaltung für den Brandanschlag in Solingen.

An Tag 77 ihrer vierten Amtszeit reist Angela Merkel nach Portugal. Sie will dort „Gespräche zu bilateralen, europapolitischen und internationalen Themen führen“, tut das Kanzleramt kund. 72 und 73 verbrachte sie in China, an Tag 66 war sie in Russland, an 65 in Bulgarien. Seit sie wiedergewählt wurde, hat Merkel Donald Trump getroffen, Wladimir Putin, mehrfach Emmanuel Macron, einmal auch alle anderen Staats- und Regierungschefs der EU. Sieben aus aller Welt hat sie in Berlin empfangen. Und dazwischen, an Tag 64, im Bundestag geredet; Generaldebatte – die Stunde, in der Regierende den Regierten erklären, was sie planen, was sie tun und welche Ziele sie zu erreichen trachten.

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Cornelie Barthelme

Klingt nach vollem Programm. Es gibt viele Fotos und Filme von all den Auftritten – und nicht ein konkretes Ergebnis. Und die Republik wirkt nicht ein Spürchen regierter als in den sechs Monaten zuvor. Man darf, nein, man muss das befremdlich finden, mindestens. Es ist ja so, dass die Welt in Aufruhr ist, nicht nur weit weg in Korea und in Venezuela. Sondern auch sehr nah: In der Ukraine ist seit vier Jahren Krieg, im Nahen Osten tobt er in Syrien und droht zwischen Israel und dem Iran. Das transatlantische Bündnis wankt an der Zerrüttungsgrenze, das vereinte Europa schwankt und ächzt – und auch Deutschland ist kein Inselchen der Seligkeit, nicht nur wegen der sich täglich ausweitenden Affäre um die Asylentscheide. Mögen Wohnungsnöte und Landflucht, verrottende Schulen, Pflegenotstand und digitale Ödnis klein scheinen im globalen Vergleich: Wer sie täglich aushalten muss, den treffen sie hart.

Genug zu tun also für eine Kanzlerin, erst recht eine, die sich für so unverzichtbar hielt, dass sie unbedingt im Amt bleiben wollte – und nun, in ihrer absehbar letzten Zeit an der Macht, auf nichts und niemanden mehr Rücksicht nehmen muss. Also tun oder zumindest versuchen könnte, was sie für klug hält und für richtig und für zukunftsweisend und -sichernd.Und es ist ja nicht so, dass Merkel nicht wüsste, was nottut. Dass, beispielsweise, die Europäer ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen müssen. Hat sie selbst gesagt, vor elf Monaten schon. Aber jetzt, wo es akut wird, aus dem Reden die Tat werden müsste?

Vielleicht ist es nicht freundlich, das Ende am Anfang zu messen. Fair aber schon. Und nicht nur im Vergleich mit Macron, auch mit sich selbst wirkt Merkel uninspiriert und lustlos. Ausstrahlung fehlte ihr immer schon; jetzt aber kommt ihr auch die Kraft zusehends abhanden. Die Putins und Trumps haben das sofort erkannt. Und Europa und die Republik bekommen es zu spüren. Für eine Partei mag das Abwälzen von Verantwortung und Zukunftsarbeit auf eine Kronprinzessin ein hübscher Einfall sein. Und die CDU ist von Annegret Kramp-Karrenbauer sehr angetan. Für die Republik aber ist solches Jobsharing kein Modell. Sie darf mehr erwarten als eine weltreisende Kanzlerin im Auskling-Modus.

politik@fnp.de

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