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Kommentar zur Reformation: Luther der Fremde

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Das Denkmal für den deutschen Reformator, Martin Luther (1483-1546) in Wittenberg (Sachsen-Anhalt),  geht nichtauf Reisen. Dafür viele andere Exponate des Lutherhauses. Foto: dpa Das Denkmal für den deutschen Reformator, Martin Luther (1483-1546) in Wittenberg (Sachsen-Anhalt), geht nichtauf Reisen. Dafür viele andere Exponate des Lutherhauses. Foto: dpa

Luther ist immer anders. Nie so wie das Bild, das wir uns von ihm machen. In 500 Jahren trug dieses Bild zwar stets die Züge, die Lucas Cranach der Ältere ihm gegeben hat. Denn die Vorstellungen, die wir von Luthers äußerer Gestalt besitzen, haben die Bilder des Malers und seiner Werkstatt geprägt. So tief, dass Luther längst zu einer Pop-Ikone wie Warhol und Monroe geworden ist: Sein ihm von Cranach verliehenes Gesicht findet sich auf T-Shirts, Kaffeetassen, Kirchentagspostern und Bierdeckeln. Aber Luther ist anders.

Obwohl er schon vieles war. Und noch ist. Und noch mehr sein wird. Er war Aufrührer, Rebell, Ketzer, Weltenstürmer und Fanatiker. Er war sowohl blutrünstiger Krieger als auch herzensguter Seelentröster, asketischer Betbruder, Fundamentalist und Schmerzensmann. Er war Held des Gewissens und Visionär, Vordenker der Aufklärung und Anstifter des Holocaust, Irrationalist und Vernunftprediger, Prophet und Schutzheiliger des Deutschtums oder Sprachrohr des Weltgeists. Er war Gottsucher im Büßergewand und Hausvater in Filzpantoffeln. Sprachgenie und Prolet. Er war ein Saft-, Kraft- und Übermensch und auch ein Psychopath mit bipolarer Störung. Zuletzt ist er auch noch der erste deutsche Wutbürger und ein bedeutender Populist, der sich des Buchdrucks zur Verbreitung seiner Ansichten bediente wie manch einer heute Twitter.

Michael Kluger Bild-Zoom Foto: (FNP)
Michael Kluger

Doch das war stets nur der Luther, wie ihn die jeweilige historische Gegenwart sich gedeutet hat, deren Zeitgenosse er nie war. Luther war immer anders. Luther ist auch nicht der Zeitgenosse unserer Gegenwart. Die Reformation ist kein theologischer Regierungswechsel, keine neue Mode des Zeitgeists. Die 95 Thesen sind kein Parteiprogramm, kein Pegida-Manifest und kein Esoterik-Flyer. Die Reformation war zweifellos auch nicht nur Luther. Ohne ihn hätte es die Reformation indes nicht gegeben. Was uns von Luther trennt, sind 500 Jahre, denen er und seine Zeit einen mächtigen Impuls in eine neue, von ihm immer weiter und schneller fortführende Richtung gegeben haben.

Die Mentalität der Menschen war im Europa der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert bis ins Innerste und tägliche Leben hinein geprägt von der christlichen Religion. Die Realität bevölkerten Teufel und Dämonen. Sie war durchwirkt von Wundern und Magie. Der Tod wartete stets und überall: Kriege, Seuchen, Pestilenzen. Zwischen Heilserwartung und Sündenabrechnung vor dem Jüngsten Gericht, zwischen Endzeitfurcht und Auferstehungshoffnung spielte das meist armselige Leben sich ab. Während Schiffe in See stachen, um neue Kontinente zu entdecken, und die Planeten sich allmählich um die Sonne zu drehen begannen, empörte sich in der ostdeutschen Provinz ein Augustinermönch gegen die Kapitalisierung des Seelenheils, gegen den Ablasshandel, der den Sündern im Tausch für Geld eine Erleichterung der Bußoptionen, etwa eine Fristverkürzung im Fegefeuer versprach.

Mit den 95 Thesen vom 31. Oktober 1517 kam eine mächtige Welle in Bewegung. Sie brauste erst gegen den Papst in Rom, dann gegen die Kirche und riss schließlich Glaubens- und Denkgewohnheiten eines ganzen Kontinents hinweg. Luther und die Reformation waren epochale Beweger der Geschichte. Mit erhabenen und verheerenden, glänzenden und desaströsen Folgen: der Rückbesinnung auf den christlichen Glutkern, der religiösen Hysterisierung eines Kontinents, 30 Jahren Krieg, der konfessionellen Spaltung bis heute.

Was fangen wir mit Luther heute an? Wir leben ebenfalls in einer Zeit der Neuerungen, der Umbrüche und Ungewissheiten, der technischen und wissenschaftlichen Revolutionen, der sozialen Spannungen und der Eruptionen von Wut und Wahn. Aber es sind ganz andere als in Luthers Epoche. Obwohl wir selbst unsere Sprache wesentlich seinem Genie verdanken, sprechen wir eine ganz andere als er. Was er unter Freiheit und Gewissen verstand, ist nicht das, was wir damit meinen. Seine Welt wurzelte in Gott, im Glauben an ihn. Unsere nicht mehr. Alles, was er predigte, dachte, sann und empfand, hatte Sinn und Bedeutung nur im Bezug auf Gott. Dem aufgeklärten Bewusstsein erscheint das, wo es ihm begegnet wie im Islam oder bei den Evangelikalen rückständig, verfehlt und bedrohlich. Luthers couragiertes Aufbegehren gegen die römische Autorität zeugt von Mut, offenbart aber auch den eifernden Fanatismus des Dogmatikers. Seiner Zärtlichkeit, Nächstenliebe und Empfindsamkeit steht der barbarische Brutalismus seines Zorns zur Seite, das Hetzerische, Denunziatorische und Diktatorische.

Luther mag uns ein menschlicher Bruder sein. Vor allem jedoch ist er uns fremd. Als Reformator, als Theologe ist er von monumentaler historischer Größe. Um zu verstehen, wie wir wurden, was wir sind, können wir diese ungeheure Gestalt gar nicht ignorieren. Zum Ratgeber, Heilsbringer, Befreier und deutschen Erlöser Luther führt indes kein Weg mehr zurück.

michael.kluger@fnp.de Mehr unter fnp.de/luther

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