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Größte Evakuierung der Stadt steht bevor: Kommentar zur gefundenen Weltkriegsbombe: Ein Stich in die Frankfurter Seele

Frankfurt Polizist schuetzt Bombenfundort in Frankfurt Westend. Foto: Ringleb/Eibner-Pressefoto (imago stock&people) Frankfurt Polizist schuetzt Bombenfundort in Frankfurt Westend.

Plötzlich kehrt die Geschichte zurück. Plötzlich ist der Blockbuster nicht mehr „Star Wars“, sondern das, was er am Ursprung seines Wortsinns war: Wohnblockknacker, Instrument zur Zerstörung, ein tonnenschweres, mit Sprengstoff gefülltes Metallbehältnis zur Vernichtung von Gebäuden und – ja – Menschen. Die Luftmine HC-4000 ist ein rostiges Relikt aus den dunkelsten Tagen des 20. Jahrhunderts, das mitten in unsere aufgeräumte Gegenwart platzt: Plötzlich ist die Vergangenheit wieder da und versetzt Frankfurt in Aufruhr.

Für manche hat die größte Wohnungsräumung in der Frankfurter Nachkriegsgeschichte etwas von Spektakel und Event: Partystimmung. Raus aus der Bude, irgendwo mit Freunden den Ausnahmezustand feiern und abends mit Sekt auf die Entschärfung anstoßen. Zeit für Selfies. Für andere ist sie unbequem, umständlich, nervig. Doch für viele Ältere ist die Bombe noch immer die Erinnerung an den Albtraum ihres Lebens: den Luftkrieg. Einen Krieg, der Furcht und Schrecken, Trauer und Verzweiflung über Frankfurt brachte und das Gesicht der Stadt für immer veränderte. Zeit der Angst. Die meisten von uns kennen sie nur aus Erzählungen.

<span></span> Bild-Zoom Foto: (FNP)

Mehr als 70 Jahre ist das her. Aber noch immer laboriert die Stadt wie viele andere an ihrer Verwüstung durch die Bomber. Nicht, weil immer wieder Blindgänger gefunden werden. Sondern, weil Frankfurt große Teile seiner historischen Substanz, seines Gedächtnisses verloren hat und – etwa mit dem Wiederaufbau der Altstadt – bis heute darum ringt, sie wiederzugewinnen. Deshalb ist jeder Bombenfund wie ein schmerzlicher Stich in die Seele dieser Stadt.

Diejenigen, die das Glück haben, die Räumung am Sonntag als kleines Abenteuer empfinden zu können, als kuriose Abwechslung im Einerlei eines wohlgeordneten Lebens, haben alles Recht dazu. Aber vielleicht nur diejenigen, die sich an die Bombennächte noch erinnern, können wirklich ermessen, wie wertvoll dieses Glück ist, auf welchen Trümmern, welchem Leid, welcher Zerstörung es ruht. Und was wirklich in diesem Metallbehältnis steckt: der Sprengstoff all der Bilder des Grauens, der Toten, der Verheerung, die die meisten von uns nicht mehr in ihren Träumen haben, sondern nur noch im Fernseher, iPad oder Smartphone, wo sie uns so fern sind wie die entlegenen Weltteile, aus denen uns die Zeugnisse von den Bombenkriegen dieser Tage erreichen. HC-4000 ist ein britischer Blindgänger. Er kann uns für einige Momente die Augen öffnen: für die Vergangenheit, für die Gegenwart – und dafür, wie die Welt in Zukunft sein soll.

 

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