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Weirich am Montag: Kompetent streiten

Professor Dieter Weirich Foto: Eric Richard (priv.) Professor Dieter Weirich

Unions-Fraktionschef Volker Kauder wollte dem Spott der fünften Jahreszeit entgehen. „Wir sollten bis Karneval fertig sein. Sonst werden wir dort fertiggemacht“, drängte er die Unterhändler. Rechtzeitig zu Altweiberfastnacht stand dann auch der Koalitionsvertrag und Merkels Personaltableau, das ein Boulevardblatt mit der Schlagzeile kommentierte, die Kanzlerin habe nach der entschlossenen Sozialdemokratisierung der CDU der SPD auch noch eine Regierung geschenkt. Die Politik ist inzwischen schneller als die Narren. Vor allem die SPD wechselt ihre Personen rascher als ihre Überzeugungen. Die heutigen Rosenmontagszüge zeigen noch Bilder von vorgestern, der um die Macht zerrende Martin Schulz hat sich indes als Parteichef und präsumtiver Außenminister schon verabschiedet und Olaf Scholz hatten selbst erfindungsreiche Narren nicht auf dem Schirm. Folgt man dem Deutschen Wörterbuch der Gebrüder Grimm, ist der „rasende Montag“ der sprachliche Ursprung des heutigen karnevalistischen Höhepunkts. Der Begriff widerspiegelt die Stimmung vieler Christdemokraten in der kreuzbraven, oft einer Schafherde gleichenden Kanzlerpartei. Unter der Oberfläche brodelt es allerdings vernehmlich. Der egomane Gleichmut der Regierungschefin verstört selbst ihre treuesten Anhänger. Wenn selbst der in seiner Loyalität gewöhnlich unerschütterliche Frankfurter Abgeordnete Matthias Zimmer seine Führung nicht mehr versteht, erhält man einen Hinweis auf die Depression. Merkel könnte allerdings bei der Bestrafung innerparteilicher Gegner ein kaum wiedergutzumachender Fehler unterlaufen sein. Die meisten Berliner Auguren hatten mit der Kabinetts-Einbindung des 37 Jahre alten westfälischen Bundestagsabgeordneten Jens Spahn gerechnet, des Anführers des bisher verwaisten konservativen Flügels der Christdemokraten, bei Wahlen eine wichtige Integrationsfigur für zur AfD oder auch zur FDP abwanderungswillige Stammwähler. Doch des Widerspenstigen Zähmung, also der Versuch der Disziplinierung dieses jungen Hoffnungsträgers der Union, der aus den trägen Gewässern des Mainstreams verlässlich ausschert und zur Kanzler-Reserve der Zukunft gezählt wird, blieb aus. Die von ihrer Partei eher ertragene als getragene Kanzlerin hat auch in der Schlussrunde ihrer Amtszeit nicht begriffen, dass man die Attraktivität einer Partei an ihrer intellektuellen Bandbreite und der Qualität des Diskurses erkennt. Die Zukunft gehört kompetent streitenden, aber nicht zerstrittenen Parteien. Kanzlerwahlvereine gehören der Vergangenheit an, hoffentlich zeigt der Parteitag am 26. Februar dies.

So könnten Spahn und seine Mitstreiter aus ihrer Niederlage einen Erfolg machen. Margit Sponheimer braucht nicht die einzige zu sein, die ein fröhliches „Am Rosenmontag da bin ich geboren“ auf der Zunge trägt.

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