E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Frankfurt am Main 18°C
1 Kommentar

Jahreswechsel: Leitartikel: 2017 oder der Anfang eines großen Umbruchs

Von Möglicherweise wird das Jahr 2017 in ein paar Jahrzehnten von den Historikern als "verlorenes Jahr" bezeichnet werden, als ein Jahr mit großen, schwerwiegenden Umbrüchen, aber nur wenigen Lösungsansätzen. Ein Kommentar zum Jahreswechsel von FNP-Chefredakteur Joachim Braun.
Bundeskanzlerin Angela Merkel. Foto: Bernd von Jutrczenka Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Unser Land dümpelt mit einer geschäftsführenden Regierung dahin. Die Supermacht USA erlebte das Jahr 1 der Ära Trump mit einer für den Rest der Welt verheerenden „Mia san Mia“-Politik. China präsentiert sich als Hüter des freien Welthandels und baut seinen Einfluss als effizient regierte Großmacht in den Schwellenländern weiter aus. Die EU ist gebeutelt von Brexit-Verhandlungen, Separatisten in Katalonien und autokratischen Veränderungen in ehemaligen Ostblock-Staaten. Russlands Staatschef Putin setzt seine Machtinteressen in Syrien durch, und der gewählte Diktator Erdogan in Ankara verhaftet willkürlich deutsche Staatsbürger. Das Böse geriert sich als das Gute, und das Gute wird zum Bösen. Wer schon den neuen „Star Wars“-Film gesehen hat, weiß um die Unwägbarkeit traditioneller Wertesysteme.

Der Klimawandel setzt sich fort und ist längst auch in Hessen spürbar. Trotzdem wird in Deutschland weiter Braunkohle verbrannt, weil auch die Umsetzung der Energiewende nicht weitergeht.

<span></span> Bild-Zoom Foto: Salome Roessler

Islamistischer Terror ist in der freien Welt zu einer fast schon alltäglichen Bedrohung geworden, und die Angst vor dem Fremden sorgt selbst in unserer eigentlich so stabilen Gesellschaft für ein Erstarken überwunden geglaubter rassistischer Kräfte. Die Welt, so scheint es, ist völlig aus den Fugen im zu Ende gehenden Jahr 2017. Gewiss ist nur, dass nichts gewiss ist.

Und doch besteht weiterhin Hoffnung auf eine bessere Welt. Wer das Glück hat in Frankfurt zu leben (und es sich leisten zu können) oder im umliegenden Rhein-Main-Gebiet, hat kaum Grund zur Klage. In dieser multikulturellen Region ist die Vielfalt unserer Welt in allen bereichernden Facetten erlebbar. Unsere Wirtschaft brummt, die Arbeitslosigkeit ist niedrig, die Aktienmärkte florieren. Ist also doch alles gut?

Die meisten politischen Unwägbarkeiten sind weit weg von unserem Lebensalltag. Die tatsächliche Veränderung unserer Gesellschaft nehmen viele von uns bisher nur in Teilaspekten wahr. Die disruptive Kraft der Digitalisierung wird unser (Er-)Leben mutmaßlich umfassender verändern als alle politischen Tendenzen. Welche Wahrheit gibt es noch, wenn Künstliche Intelligenz, also selbstlernende Computerprogramme, Wahrheit so perfekt nachbildet, dass keiner mehr prüfen kann, was stimmt und was nicht, was tatsächlich passiert ist und was nur passiert sein könnte?

Im Internet kursiert eine „Aufzeichnung“ über ein Gespräch zwischen Donald Trump und Vorgänger Barack Obama über ein Software-Unternehmen, das nie stattgefunden hat, aber von Algorithmen täuschend echt nachgebaut wurde. Künstliche Intelligenz erkennt nicht nur Bilder von Tieren, Menschen, von Straßenszenen und klassischen Gemälden. Sie kann diese Bilder auch nachbauen, verändern: Aus van Goghs berühmtem „Mohnfeld“ wird eine Winterlandschaft, genau so echt aussehend wie vom Meister selbst, und doch ist das nur ein Produkt aus dem Computer.

„Wie wirklich ist die Wirklichkeit“ fragte einst der Philosoph Paul Watzlawick. Wir werden darauf bald keine oder vermutlich weit mehr als nur eine Antwort haben. Die Digitalisierung verändert aber nicht nur unsere Wahrnehmung, sie verändert das Arbeitsleben und unser gesamtes Wirtschaftssystem, sie demokratisiert und spaltet die Welt zugleich.

Und sie betrifft, unterstützt und bedroht jeden einzelnen von uns, ohne dass uns die schon jetzt überforderten politischen Institutionen eine Hilfe sein werden. 2018 werden schon mehr von uns die Umwandlung unserer Gesellschaft spüren als im abgelaufenen Jahr. Oder wie es der amerikanische Autor William Gibson schon vor Jahren formuliert hat: „Die Zukunft ist schon da. Sie ist nur ungleich verteilt.“

joachim.braun@fnp.de

Zur Startseite Mehr aus Meinung der Redaktion

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen