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Kommentar: Mehr Empathie für Anschlagsopfer!

Von Das Attentat auf den Berliner Weihnachtsmarkt jährt sich zum ersten Mal. Stehen wir den Terroropfern - und ihren Angehörigen - zur Seite, wie wir es sollten? Nein, sagt FNP-Redakteur Klaus Spähne.
Foto: CLEMENS BILAN (AFP)

Es dürfte diese Woche noch einmal hoch hergehen auf den Weihnachtsmärkten dieser Republik. Während der Countdown fürs Fest läuft, werden ein letztes Mal Glühwein- und Bratwurstglückseligkeit in mehr oder weniger stimmungsvollem Ambiente herrschen, werden Arbeitskollegen, Freunde, Familien zwischen heimeligen Buden flanieren. Viele Besucher nehmen dabei zwar die martialischen Betonsperren an den Zugängen und bewaffnete Polizisten in schusssicheren Westen wahr – die gehören heute ja sowieso zum Alltag bei solchen Festen. So mancher aber dürfte verdrängt haben, was heute vor einem Jahr in Berlin geschehen ist.

Dabei war es eine Zäsur für dieses Land, als Anis Amri am 19. Dezember 2016 einen gestohlenen Lastwagen in eine Menschenmenge steuerte, die sich auf dem Breitscheidplatz vor der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche versammelt hatte. Elf Menschen starben dabei plus der polnische Lkw-Fahrer, den Amri zuvor ermordet hatte. Hinzu kamen rund 70 Verletzte. Dass die Politik heute hochoffiziell der Opfer des islamistischen Anschlags mit mehreren Veranstaltungen gedenkt, dass in Berlin eine Erinnerungsstätte eröffnet wird und dass sich Kanzlerin Angela Merkel gestern mit Angehörigen getroffen hat, ist zunächst einmal positiv zu bewerten.

Klaus Späne Bild-Zoom Foto: (FNP)
Klaus Späne

Ja, es gibt hierzulande durchaus eine funktionierende Erinnerungskultur. Zu sehen auch beim Gedenken an die Toten der beiden Weltkriege und des Holocausts. Dennoch ist beim Berliner Anschlag einiges gewaltig schiefgelaufen, wie sich dieser Tage im Bericht des Opferbeauftragten der Bundesregierung, Kurt Beck, und in einem offenen Brief der Angehörigen an die Bundeskanzlerin zeigte.

Das fängt an bei den fatalen Fehlern, die den Sicherheitsbehörden im Fall des Gefährders Amri unterlaufen sind. Darüber hinaus gab es weitere Pannen und Peinlichkeiten. Ein Tiefpunkt war erreicht, als die Rechtsmedizin der Charité kurz nach dem Attentat Rechnungen für die Obduktionskosten an Angehörige verschickte – inklusive Mahnbescheiden, wofür man sich später entschuldigte. Und es gab die stockende finanzielle, medizinische und psychologische Hilfe für die Angehörigen und die Verletzten, die sich alleine gelassen fühlten. Dazu trug auch Merkel bei, die es versäumt hatte, direkt nach dem Attentat ein sichtbares Zeichen des Mitgefühls und der Solidarität zu setzen, indem sie sich mit den Hinterbliebenen getroffen oder ihnen kondoliert hätte.

Man mag es den Verantwortlichen zugute halten, dass die Berliner Bluttat die erste in dieser Dimension war und dass man aus den begangenen Fehlern lernt. Insofern empfiehlt es sich, einen Blick nach Frankreich zu werfen. Dort gründete man kurz nach den Anschlägen von Paris im November 2015 ein Staatssekretariat für Opferhilfe, wie generell die Unterstützung von Terroropfern zur Staatsaufgabe wurde. Und in unserem Nachbarland hat sich der Staatspräsident schnell mit Betroffenen getroffen. Derlei Fingerspitzengefühl und Empathie wünscht man sich auch hierzulande, und zwar ohne, dass es dazu erst des Drucks von außen bedarf.

klaus.spaene@fnp.de

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