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Organspende: Herz contra Hirn

Von Der Vergabe-Skandal bei Organspenden hat angeblich dazu beigetragen, dass die Zahl der Spender stark gesunken ist. Ist der ausschlaggebende Grund aber vielleicht nicht doch ein anderer?
Cornelie Barthelme Bild-Zoom
Cornelie Barthelme

Vielleicht muss man wirklich Chirurg sein, um sicher zu sein. Als Chirurg kann man Sätze sagen wie diesen: „Wenn das Gehirn nicht mehr funktioniert, dann hat er als Mensch aufgehört zu existieren.“ Aber man muss kein Philosoph sein, um diese Definition zu bezweifeln: „Wir werden gezwungen von dieser Hirntodkonzeption, über all das, was wir mit Lebendigkeit verbinden, hinwegzusehen.“ Roland Hetzer ist als Herzchirurg eine Kapazität in Europa, Ralf Stoecker forscht als Medizin-Ethiker nach der Grenze zwischen Leben und Tod. Stünden die beiden am Bett eines Sterbenden – und träte vielleicht noch der Staatsrechtler Wolfram Höfling hinzu, der dem Bundestag bescheinigt, im Transplantationsgesetz ein „Glanzstück juristischer Trickserei“ abgeliefert zu haben: Was passierte dann mit dem Menschen, dessen Herz, Leber, Nieren anderen Sterbenskranken das Leben retten könnten?

Der Vergabe-Skandal, die Fälschungen und der Betrug an den Transplantationszentren, klagen gerade unisono die deutsche Organspende-Zentralorganisation und der Präsident der Bundesärztekammer, trieben die Zahl der Spenden in den Keller – und die Menschen in tiefe Zweifel. Die einen wie der andere und auch Patientenvertreter rufen nach mehr Transparenz im Vergabe-System. Als plage mögliche Spender und Angehörige allein die Frage, ob Organe, über die sie vorausblickend oder stellvertretend verfügen, wirklich ausschließlich nach Dringlichkeit und Erfolgsaussichten vergeben werden. Als gäbe es für diese Entscheidung, vorab oder akut, eine Art Checkliste, die abzuarbeiten sei. Arzt wirkt vertrauenerweckend – nein? Dann nicht. Oder ja? Haken dran. Bitte entnehmen Sie…

Aber der Ernstfall ist ja nicht planbar. Und die Unsicherheiten und Zweifel sind ja viel zahlreicher und ungeheuerlich kompliziert. Sie verschmelzen in der einen, alles entscheidenden Frage: Wann ist der Mensch ein Sterbender? Und wann ist er tot? Wen, der über Organspende nachdenkt, plagt nicht die Angst, es könnten ihm Herz und Leben zu früh genommen werden? Die Medizin im dritten Jahrtausend kann so viel, dass zum Auseinanderhalten von Leben und Tod keine Kerze mehr genügt, kein Spiegel, keine einen Pulsschlag fühlende Hand. Nicht einmal hochkomplexe Maschinen.

Genau das wünschen wir uns: die klare Trennlinie. Den Experten an der Seite, der uns sagt, wenn sie erreicht wird. Und überschritten. Aber nicht einmal der Gesetzgeber hat sich getraut, sie zu fixieren. Der Bundestag hat die Organentnahme nach dem Hirntod erlaubt. Aber er hat den Hirntod nicht mit dem Tod gleichgesetzt.

Und so bleibt, vielleicht mehr als unvermeidlich, jeder mit der Entscheidung allein. Und immer steht, nicht nur medizinisch, Herz kontra Hirn.

politik@fnp.de
 

Seit den Skandalen um die Vergabe von Spenderorganen wurden in den Krankenhäusern schärfere Kontrollen eingeführt - so auch das »Mehraugenprinzip«. Die Maßnahmen sollen nun helfen, das Vertrauen der Bürger wiederzugewinnen.	Foto: dpa
Rekordtief bei Organspende

Der Schock ist groß: Erneut sind die Organspendenzahlen im vergangenen Jahr stark gesunken – und zwar auf den tiefsten Stand seit Inkrafttreten des Transplantationsgesetzes im Jahr 1997. Schuld dürften dabei auch die jüngsten Transplantationsskandale haben.

clearing
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