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Kommentar: Ostern: Die Technik gibt keine Antwort

Von Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? Die Antworten weiß kein Algorithmus. Ein Kommentar von Michael Kluger.
Symbolbild Foto: Rainer Oettel (epd) Symbolbild

„Fake News“: Gott ist Mensch geworden, stirbt einen erbärmlichen Tod am Kreuz und erlebt am dritten Tage seine Auferstehung. Für die einen ist das eine unglaubwürdige Geschichte, kaum zu belegen, ein Märchen, ein Mythos. Für die anderen ein Mysterium und eine Verheißung: Der Tod ist nicht das Ende. Die Auferstehung Jesu ist die Beglaubigung einer religiösen Botschaft des Friedens, der Vergebung und der Versöhnung. Ostern ist für Christen das höchste Fest. Die Mehrheit der Deutschen weiß gar nicht mehr, warum.

In der Routine von Besinnungsaufsätzen und gravitätischen Sonntagsreden heißt es stets, Europa sei christlich geprägt. Wenn es um die Frage nach unserer Identität geht, darum etwa, ob der Islam nun zu Deutschland gehöre oder nicht, besteht die Antwort meist in wortreichen Beschwörungen des Abendlands und seiner Wurzeln im Jüdisch-Christlichen. Die christlichen Werte, hören wir, wirkten noch bis in die rechtsstaatliche Verfassung unserer liberalen Demokratie hinein. Mitunter scheint es gar, als hätten auch die bayerische Bierzeltmusik oder die Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst ihren Ursprung im Martyrium Christi.

Aber was sollen wir mit dem – tatsächlich richtigen – Befund anfangen, Deutschland und Europa seien christlich geprägt? Sind sie es noch heute? Und wo zeigt sich das? Leiten uns christliche Werte bei der Entscheidung, wie wir leben wollen, wie wir Staat und Gesellschaft, wie wir unsere Zukunft organisieren? Sind diese Werte eigentlich die richtigen? Und wenn nicht, wo sind überhaupt noch Sinnressourcen, die nicht verbraucht, diskreditiert, korrumpiert, entlarvt wären?

<span></span> Bild-Zoom Foto: (FNP)

Das jüngste Angebot ist ein profanes, gleichsam ersatzreligiöses Heilsversprechen. Es erzählt von der Teilhabe aller an den technischen Mysterien der digitalisierten Welt: Niemand mehr, der wie ein Erzengel mit dem Schwert vor dem Eingang zum Paradies steht und den Zugang verwehrt. Endlich, so lautet die Verheißung, hat jeder eine Stimme und kann Gehör finden. Überall auf der Welt ist nahezu das gesamte Weltwissen potenziell verfügbar. Auch der Geringste kann virtuell teilnehmen am globalen Gespräch der Freien, Gleichen und Brüderlichen. Allein: Die technologische Erlösung der Menschheit ist ausgeblieben. Bislang jedenfalls.

Längst hat sich die utopische Vision verkehrt in ein Schreckensszenario. Das Versprechen von der digitalen Befreiung ist dem Albtraum von einer populistischen Diktatur der Likes und Dislikes gewichen. Statt im herrschaftsfreien Diskurs dem besseren Argument zum Sieg zu verhelfen, überdröhnen im Netz Hass und Hysterie, aufgepeitschte Stimmungen, Affekte und Ressentiments die nüchterne Rede der Vernunft. Der Aufstand gegen alte Meinungseliten hat auch dem Wahnhaften die Pforten geöffnet, dem Uninformierten und Kenntnislosen, dem Irrationalen, das keine Begründung mehr zu benötigen glaubt, weil es sich auf das Gesetz des Stärkeren und die sich selbst bestätigende Macht der größeren Zahl berufen kann.

Mit der Tür zum Paradiesgarten der ungeahnten Möglichkeiten, zum Himmelreich des mündigen, selbstverantwortlichen Weltbürgers tut sich auch die Tür in den Abgrund der Manipulation und der Lüge auf, des Missbrauchs, der Gewalt und des Verbrechens. Er ist bevölkert von Bots und Trollen, Hackern und Agenten. Wer vermag noch zwischen Freund und Feind, Gut und Böse, Licht und Dunkel zu unterscheiden? Wer kann noch wissen, ob unter der freundlich-einladenden Benutzeroberfläche nicht ein finsterer Abgrund lauert? In der offenen Vernetzung der Welt ist die IT-Diktatur schon angelegt. In China bahnt sie sich in einem Sozialkreditsystem bereits an – umfassender, unentrinnbarer als in jedem totalitären Staat der Geschichte. Man muss nicht von einem technologischen Totalitarismus sprechen, um zu erkennen: Die Antworten liegen nicht in der Technik, weder bei Facebook noch Instagram.

Wie wollen wir leben? Wie wollen wir Staat und Gesellschaft, wie wollen wir Zukunft organisieren? Wovon lassen wir uns leiten? Wer redet mit? Diese Fragen entscheiden sich im Denken, in der öffentlichen Verständigung über Werte, an denen wir uns orientieren, die wir behaupten und vertreten oder eben nicht. Sie entscheiden sich in der geduldigen, immer wieder neu ansetzenden kritischen Reflexion über uns selbst, nicht in einem dumpf auftrumpfenden Willen zur Macht über andere. Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? Die Antworten weiß kein Algorithmus. Kein Lieferservice bringt sie. Kein Clip zeigt sie. Kein Klick enthüllt sie. Diese Antworten kosten Mühe und Anstrengung, Zeit und Kraft. Sie stecken in keiner Excel-Tabelle. Und auch in keinem Schokoladenei.

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