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Präsidenten-Mikado

<span></span> Foto: Eric Richard (priv.)

Landesväterlich gütig wie einst „Papa Heuss“, staatsmännisch-weitläufig, aber nicht so kanzlerkritisch wie Richard von Weizsäcker, humorvoll-ruckartig wie Roman Herzog, dabei ein deutscher Patriot und überzeugter Europäer, ein offen in die digitale Welt der Zukunft blickender, ein vom Versöhnen statt Spalten beflügelter Demokrat. Zu dieser Stellenbeschreibung mit dem Zusatz „möglichst parteilos und weiblich“ für das am 17. Februar 2016 zu besetzende höchste deutsche Staatsamt gibt es bisher nur spärliche Antworten. Der Respekt vor der Würde des hohen Amtes verbietet es, von der Suche nach der berühmten eierlegenden Wollmilchsau zu sprechen.

Den Koalitionspartnern kommt die Präsidentenwahl, die in der deutschen Nachkriegsgeschichte bei der Wahl von Gustav Heinemann den Machtwechsel zu Willy Brandt eingeleitet hat, ungelegen. Man hätte es gerne gesehen, wenn Joachim Gauck, bella figura, im Schloss Bellevue verblieben wäre.

Nun ist die Nachfolgediskussion ein Jahr vor der Bundestagswahl von Parteitaktik bestimmt. Deshalb heißt es in neu erwachter Harmonie, „wenn wir die große Koalition ernst nehmen, finden wir einen gemeinsamen Kandidaten“. In der Bundesversammlung haben nämlich weder CDU/CSU mit 542 bis 543 noch die SPD mit 386 bis 388 Delegierten die absolute Mehrheit von 631 Stimmen. Ein rot-rot-grünes Himmelfahrtskommando will Sigmar Gabriel aber nicht eingehen, da die Ökopartei als Partner unsicher wäre.

So wird zurzeit kräftig Präsidenten-Mikado gespielt. Wer sich zuerst bewegt, hat im Kandidaten-Roulette nach der Uraltregel „Zuerst genannt – sofort verbrannt“ verloren, so aktuell Außenminister Steinmeier. Nun wird munter spekuliert, wer das Gardemaß eines politisch versierten, aber betriebsfremden Präsidenten hat. Eine Diskussion, mit der sich die Parteien und ihrer in der Verfassung verankerten Rolle bei der Willensbildung selbst beschädigen. Weil „politisch Lied, ein garstig Lied“ schon immer bei den eher parteiskeptisch eingestellten Deutschen zunehmend zum Hit wird, verstecken sich die Parteien gerne. Bei Oberbürgermeisterwahlen verzichten viele Kandidaten auf das offenkundig schädliche Parteien-Etikett , viele Bewerber haben als Nahesteher bessere Chancen als jene mit Parteibuch. Wer sich aber selbst nicht mag und verleugnet, wird auch andere nicht gewinnen.

Dabei hätten die Koalitionspartner durchaus präsentable Kandidaten, ob Wolfgang Schäuble oder Norbert Lammert von der CDU, ob Steinmeier oder Richard Schröder in der SPD. Ob es in den schwieriger gewordenen Zeiten der Vermittlung unseres Gemeinwesens für das Volk beeindruckender ist, ein nach vielen Kungelrunden hinter verschlossenen Türen ertönendes „habemus papam“ zu vernehmen, als ein in drei Wahlgängen ausgefochtenes neues Staatsoberhaupt, muss bezweifelt werden.

politik@fnp.de

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