Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer

Kommentar: SPD: Außen rot und innen schwach

Foto: Guido Kirchner/Symbolbild

74 Tage. 2366 Stunden. Plus die sechs nach 18 Uhr. Rein mathematisch hatte die SPD jede Menge Zeit, um a) vom bittersten Wahldesaster ihrer bundesrepublikanischen Geschichte geschockt zu sein, es – und damit sich – b) ausgiebig zu beweinen und sich dann c) mit der Wirklichkeit zu beschäftigen. Die ist, mit sozialdemokratischen Augen gesehen, schrecklich. Schrecklich, mit Wähler-Augen gesehen, ist, wie die SPD in konvulsivische Zuckungen verfällt, sobald sie Phase C auch nur touchiert. Es schüttelt die Partei durch und durch – was daran liegt, dass ihr das stabilisierende Zentrum fehlt; man kann auch sagen: der Kopf und das in ihm befindliche Hirn. Und, nein: Es gebricht der SPD nicht an Denkern. Sie hat, ganz im Gegenteil, viele davon – und zu viele, die sich für unendlich schlau halten; erst recht für unendlich viel schlauer als den Vorsitzenden.

<span></span> Bild-Zoom

Man kann sich das, wenn man Scholz heißt oder Kahrs oder Gabriel, rasch einbilden. Martin Schulz macht es seinen Kritikern leicht, ihn als überforderten Versager erscheinen zu lassen, den allein das große Zutrauen der Basis im Amt hält. Und ein bisschen wahr ist diese Geschichte. Selbst der zaghafteste Demontageversuch und gar erst ein Putsch brächte die SPD zur Implosion. Zumindest bis heute, 12 Uhr. Dann gilt es für Schulz. Dann muss er sich retten. Und die SPD sowieso. Er wird dazu eine ganz andere Geschichte erzählen. Sie wird wahrscheinlich von Konflikten handeln, zwischen Emotion und Verstand, zwischen Parteiverantwortung und Staatsräson; davon, weshalb die SPD, einerseits, nach der Opposition lechzt – und andererseits, aus lauter Pflicht, über erneutes Regieren zumindest reden muss. Und falls es so kommt, wird es die falsche Geschichte sein. Weil sie die SPD klein und schwach aussehen lässt und verschreckt.

Hält das von Unions-Innenministern geforderte Burka-Verbot für nicht vereinbar mit dem Grundgesetz: SPD-Vize Ralf Stegner. Foto: Christian Charisius/Archiv
GroKo-Verhandlungen SPD-Vize Ralf Stegner: "Die Union will etwas von uns"

Zumindest reden – oder nicht einmal das? Heute muss sich die SPD entscheiden, wie weit sie vorerst gehen will in Sachen Regierungsbildung. Ihr stellvertretender Vorsitzender Ralf Stegner verriet im Gespräch mit Cornelie Barthelme, warum er seine Partei für quicklebendig hält – und welchen seltenen Fehler sie nach der Bundestagswahl gemacht hat.

clearing

Die Geschichte, die Schulz erzählen müsste, geht genau anders herum: Dass die Republik jetzt eine starke – was bedeutet: selbst-bewusste, in genau dieser eigentlichen Bedeutung des Wortes – Sozialdemokratie gut brauchen kann. Keine Groko-SPD, keine Merkel-Mehrheitsbeschafferin, keine Notnagel-Notgemeinschaft, keine Kaninchen-vor-der-Schlange-Selbsthilfegruppe. Aber auch keine Größenwahn-Illusionisten, die die Partei schon ins nächste Desaster schwadronieren mit all ihren Conditio-sine-qua-non-Verheißungen von Reichensteuer über europäische Sozialunion bis Bürgerversicherung.

Malu Dreyer (SPD) vor einer Sitzung von Präsidium und Parteivorstand in Berlin.
Parteitag Malu Dreyer rückt in der SPD auf

Malu Dreyer tritt auf dem Bundesparteitag der Sozialdemokraten als Stellvertreterin von Martin Schulz an. Ihre Wahl gilt als sicher, und das hat einen Grund.

clearing

Ob Schulz das weiß? Und falls ja – auch kann? Man wird hören, heute ab zwölf. Bislang hat er die Partei vor allem in ihrer Lust am Grundsätzlichen bestärkt. Herausgekommen ist dabei eine SPD wie aus dem Tucholsky-Gedicht: außen rot – und innen schwach.

politik@fnp.de

Zur Startseite Mehr aus Meinung der Redaktion

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse