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Kommentar: Selbstverständliches nur per Gesetz?

Von Wir können Krebs heilen, sind Weltmarktführer in den unterschiedlichsten Industriebereichen, wir sind imstande, den Schwächsten der Gesellschaft zu helfen. Aber was wir nicht hinkriegen, ist die Gleichstellung von Mann und Frau. Dabei ist das doch völlig selbstverständlich.
Joachim Braun Foto: Salome Roessler Joachim Braun

Sind wir nicht ein merkwürdiges Land? Wir können mit moderner Medizin Krebs heilen, wir sind unumstrittene Weltmarktführer in den unterschiedlichsten Industriebereichen, wir sind imstande, dank des Sozialstaats auch den Schwächsten in unserer Gesellschaft zu helfen. Aber was wir nicht hinkriegen, ist die Gleichstellung von Mann und Frau. Dabei ist das doch eigentlich etwas völlig Selbstverständliches.

Mehr als ein Fünftel, exakt 21 Prozent, beträgt laut Statistischem Bundesamt die sogenannte Entgeltlücke zwischen Männern und Frauen, bezogen auf das durchschnittliche Bruttostundenentgelt. Soll heißen: Bei Jobs, bei denen ein Mann zehn Euro pro Stunde bekommt, verdient eine Frau nur um die acht Euro. Auch wenn diese Kluft hauptsächlich daran liegt, dass Frauen öfter Teilzeit arbeiten und seltener in Führungspositionen tätig sind, beträgt sie immer noch sieben Prozent, wenn beide Geschlechter formal die gleiche Qualifikation und gleiche sonstige Merkmale aufweisen. Gerecht ist das nicht.

Plant das neue Gesetz: Frauenministerin  Schwesig (SPD)
Ungleicher Lohn von Mann und Frau Schaltstelle Betriebsrat

Bei der Lohngerechtigkeit dürfte künftig der Betriebsrat eine wichtige Rolle spielen. Das ergibt sich aus den Gesetzesplänen der großen Koalition.

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Darum ist es richtig und notwendig, dass die große Koalition sich nun nach hartem Ringen auf ein Lohngleichheitsgesetz geeinigt hat. Auch wenn bedauerlicherweise die Bürokratie durch die nicht ganz einfachen Regelungen (mit Unterscheidungen nach Unternehmensgröße) zunimmt, eigentlich kommt dieses Gesetz um viele Jahre oder sogar Jahrzehnte zu spät. Denn schon im Grundgesetz, verabschiedet am 23. Mai 1949, steht in Artikel 3, Absatz 2: Männer und Frauen sind gleichberechtigt.

Dass in diesem wichtigen Bereich unseres Zusammenlebens Gesetze notwendig sind, ist bedauerlich. In den allermeisten Tarifverträgen gibt es ja nun auch schon seit Jahrzehnten keine Unterscheidung mehr zwischen Geschlechtern. Aber gerade in Branchen, in denen es keine zwischen Tarifparteien ausgehandelten Gehaltsstrukturen gibt, herrscht mitunter Willkür und leiden gerade Frauen, die als Zweitverdiener neben der Erziehungs- und der Hausarbeit ohnehin großen Belastungen ausgesetzt sind, unter purer Ausbeutung.

Aber wir müssen nicht nur auf Geringverdiener schauen, wenn es um Ungleichheit geht. Auch für das Management und die Aufsichtsräte von Dax-Konzernen gibt es seit vorigem Jahr gesetzliche Regelungen, die nur mühsam umgesetzt werden.

Und selbst ein Blick auf die Regionalzeitungsbranche erzeugt keinerlei Wohlbefinden. Der Verein ProQuote, der bis 2017 in allen Print- und Onlinemedien, in TV und Radio 30 Prozent Frauen in Führungspositionen fordert, kämpft gegen Windmühlen. Bei den deutschen Regionalzeitungen sind derzeit 95 Prozent Männer, bei deren Stellvertretern immer hin 82 Prozent. Unsere Zeitung ist mit einer Lokalchefin und drei stellvertretenden Ressortleiterinnen leider keine Ausnahme. Es gibt noch viel zu tun.

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