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Kommentar: Sonntags in Frankfurt

Von Die Ladenöffnungszeiten in Deutschland konnten nach erbitterten Kämpfen liberalisiert werden. Doch die allerletzte Bastion wird mit Zähnen und Klauen verteidigt: der (heilige?) Sonntag.
Michael Balk Michael Balk

Die Ladenöffnungszeiten in Deutschland konnten nach erbitterten Kämpfen liberalisiert werden. Seit etlichen Jahren können die Konsumenten zwischen Flensburg und Garmisch länger einkaufen. Das gilt für Werktage wie für den Samstag. Und diese neu gewonne Freiheit bei der Gestaltung des Alltags wird inzwischen als Selbstverständlichkeit hingenommen. Die Proteste von Gewerkschaften und Kirchen sind abgeebbt. Doch die allerletzte Bastion wird mit Zähnen und Klauen verteidigt: der (heilige?) Sonntag.

Der Verwaltungsgerichtshof Kassel hatte der Stadt Frankfurt verboten, am letzten Tag der diesjährigen Buchmesse einen verkaufsoffenen Sonntag in der gesamten Innenstadt durchzuführen. Das war ein erneuter Schlag ins Gesicht der Stadtpolitiker, die dem internationalen Messepublikum die Möglichkeit zu einem besonderen Shopping-Event auf der Zeil oder in der Goethestraße eröffnen wollten. Statt weltstädtisch, liberal und gastfreundlich präsentierte sich Frankfurt als Provinzflecken.

Geregelt werden die Öffnungszeiten des Handels vom jeweiligen Bundesland. Das hessische Ladenöffnungsgesetz lässt höchstens vier verkaufsoffene Sonntage im Jahr zu. An diesen Sonntagen dürfen die Geschäfte in der Zeit von 13 bis 18 Uhr geöffnet werden. Die Termine sind meist an Veranstaltungen wie Stadtfeste, Frühlings- und Ostermärkte, Musikfeste, Messen oder auch Weihnachtsmärkte gekoppelt. Doch die jüngsten gerichtlichen Entscheide haben vielen Städten den Mut geraubt, solche verkaufsoffenen Sonntag anzubieten, aus Angst, nach intensiver und kostenträchtiger Vorbereitung in letzter Minute doch noch juristisch gestoppt zu werden.

Dieser Zustand ist unhaltbar geworden. Daher kommt der Vorstoß des deutschen Einzelhandelsverbandes HDE gerade recht, eine bundesweite Regelung einzuführen. Ob es denn vier oder zehn (wie der HDE empfiehlt ) oder gar zwölf (wie Karstadt-Chef Fanderl vorschlägt) solcher Einkaufs-Sonntage pro Jahr geben soll, steht nicht so sehr im Vordergrund. Wichtig ist der Zusatz, dass es keines besonderen Anlasses mehr bedarf. Dann sind die Städte völlig frei in ihren Jahresplanungen, können mit den örtlichen Einzelhandelsverbände und Gewerbetreibenden einen hübschen Kalender für Sonntagseinkäufe kreieren.

Das vereinfacht die Organisation solcher Events enorm und gibt den Kommunen größere Entscheidungsfreiheit zurück. Den Verbrauchern käme es auch entgegen, entspannter und mit größerer Muse im Kreis der Familie shoppen gehen zu können. Für den stationären Handel bedeuten längere Öffnungszeiten vor allem, dem Rivalen Online-Handel besser Paroli bieten zu können. Denn im Internet gibt es auch sonntags keine zugesperrten Einkaufspforten. Für die Mitarbeiter heißt es, dass sie an unbeliebten Tagen arbeiten müssen. Doch welche Branche kommt heute noch ohne Arbeit zu ungünstigen Zeiten aus? Für Sonntagsarbeit mag sich aber auch der ein oder andere begeistern, weil es einen Zeitausgleich am Werktag gibt und oftmals noch einen Zuschlag beim Stundenlohn.

Gerade für Frankfurt wäre es wichtig, auch sonntags häufiger ein einladenderes Gesicht zu zeigen. Denn die Stadt wirbt in London um Brexit-Flüchtlinge. Dabei steht Frankfurt in Konkurrenz zu Weltstädten wie Paris, Brüssel oder Amsterdam. Wenn die Mainmetropole zu den Brexit-Gewinnern gehören will, muss sie vor allem bei den sogenannten weichen Standortfaktoren – also Shopping, Bildung, Kultur – noch viel attraktiver werden.

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