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Kommentar: Stadt, Land, Kluft

Während Wohnungsnot und horrende Mieten in München oder überfüllte und marode Schulen in Berlin den Bundestag beschäftigen, geht der Bundesregierung das Leben der Dörfler sonstwo vorbei.
Cornelie Barthelme Cornelie Barthelme

Auf Föhr ist ihnen jetzt der Kragen geplatzt. Auf Föhr! Liegt weder in der Vorpolen-Pampa noch sonst irgendwo im gehässig sogenannten Dunkeldeutschland. Vergangenes Jahr hatte die Insel-Klinik in Wyk auf Beschluss des Kreistags den Kreißsaal dichtgemacht, im Juli schloss auch noch die nächstgelegene Festland-Geburtsstation. Die kleinen Insulaner kommen jetzt 70 Kilometer entfernt zur Welt. In der „nordfriesischen Karibik“ aber prangt an den Ladentüren das Foto des Landrats mit dickem Schrägbalken über dem Gesicht und der Unterschrift: „Wir müssen draußen bleiben!“

Welch treffender Satz – auch wenn die wütenden Wyker ihn natürlich ganz anders meinen. Aber er beschreibt, was ist. Überall in der Republik – Osten, Westen, Süden, Norden, egal – sieht die Provinz sich ausgesperrt und abgehängt: von Bus und Bahn, von schnellem Internet und grundlegender Gesundheitsversorgung, von Krippe und Schule. Schlimmer als die Fakten, zerstörerisch nämlich, ist das Gefühl, nicht zu zählen.

Die große Landflucht, organisiert von der Globalisierung, vom Eindringen der Welt in jeden Lebensbereich, hat längst Folgen – auch in den Städten. Aber während Wohnungsnot und horrende Mieten in München oder überfüllte und marode Schulen in Berlin den Bundestag beschäftigen, geht der Bundesregierung das Leben der Dörfler sonstwo vorbei. Die Kanzlerin subsummiert es unter den Begriff „Demografie“, packt „Wandel“ dazu, veranstaltet diverse „Gipfel“ – und gut.

Die Wirklichkeit aber ist schlecht; exakt: grenzkatastrophal. Weil die Politik ein Thema, nein, eben nicht verschläft, sondern meidet, das zu den großen und wichtigen des 21. Jahrhunderts gehört. Und natürlich kennen sie die Gefahren ihrer Feigheit genau. Spätestens seit diverse Populisten den Vernachlässigten einreden, sie könnten die Zeit nicht bloß anhalten – sondern sogar zurückdrehen.

Schließung, Leerstand, Abriss – in Prä-AfD-Zeit hieß das im Regierungsviertel noch ironisch „gezieltes Versteppen“. Das trauen sie sich heute nicht mehr. Aber das ändert nichts an der Wahrheit: Der Staat ist auf dem Rückzug in und aus der Provinz. Und die Regierenden können das weiter beschweigen und die Menschen dort ihren Ängsten und ihrem Frust überlassen und jenen, die beides ausnutzen. Oder sie können endlich den Diskurs annehmen: Muss wirklich jedes Dorf überleben? Kriegt man Infrastruktur eventuell billiger? Ist Bürokratie, die in der Stadt sinnvoll ist, auf dem Land verzichtbar?

Es würde unangenehme Antworten geben. Immerhin Antworten aber. Und sehr sicher auch neue, gute Ideen. Und ganz nebenbei würde vielleicht sogar klar: Es geht nicht nur um Geld – das ist auch hier kein Allheilmittel. Stadt – Land – Kluft hat auch mit Lebensentwürfen zu tun und mit Werten. Das macht es erst richtig kompliziert.

politik@fnp.de

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