Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Laufsport - Alles rund um den Mainova Frankfurt Marathon ... Frankfurt am Main 15°C

Kommentar: Sturm: Das Unheimliche der Natur

Von Es ist von grausam-grimmiger Ironie, dass Naturgewalten ohnegleichen die USA schon im ersten Amtsjahr des Präsidenten Trump heimsuchen. Ein Kommentar.
Satellitenbild von Hurrikan „Irma” über der Karibik. Foto: NOAA-NASA Satellitenbild von Hurrikan „Irma” über der Karibik.

Viele Jahre lang waren wir Träumer. Wenn wir an die Natur dachten, dachten wir an blühende Wiesen, stille Wälder, an Wanderungen in den Bergen und weiße Sandstrände, die sich sanft in eine milde Brandung senken. Unsere Vorstellung von Natur war romantisch. Wir dachten sie ursprünglich-harmonisch, im Gleichgewicht, wie für uns geschaffen. Die Natur war uns kein Feind. Eher waren wir ihrer – Störenfriede. Wir mussten sie schützen. Vor uns. Natur hatte etwas Utopisches, etwas von einem ungetrübten paradiesischen Frieden. Von Glück. Von Schönheit. Sie war ein Sehnsuchtsort.

Michael Kluger Bild-Zoom Foto: (FNP)
Michael Kluger
Natürlich war Natur nie wie auf einem Gemälde von Caspar David Friedrich. Das wussten die Menschen in anderen Erdteilen viel besser als jene in den entwickelten Ländern Europas. Die vergaßen es, weil sie in der Komfortzone eines stabilen milden Klimas lebten. Aber auch dort wurde aus verklärter Natur geschundene Umwelt: verschmutzt, zerstört, vergiftet. Und längst zeigt sie überall auf dem Planeten, dass die Zeit der Illusionen endgültig vorüber ist: Die Natur funktioniert – so oder so. Sie tobt, sie stürmt, sie wütet. Sie überzieht die Kontinente mit Hochwasser und Hitze, Lawinen und Tsunamis, schmelzenden Polen, zerrinnenden Gletschern und sterbenden Arten. Auf menschliche Belange nimmt sie keine Rücksicht. Unsere Begriffe sind ihr nicht gemäß: Sie ist nicht unbarmherzig, mitleidlos, ungnädig. Ihre Mechanik folgt ihren neutralen Gesetzen, weder unserem Willen noch unseren Vorstellungen. Ihre Schönheit wie ihre rohe Vernichtungskraft gehen zurück auf dieselben Prinzipien.

Niemand kann präzise sagen, welchen Anteil Mensch, Industrialisierung, Verkehr, Landwirtschaft, Flächenverbrauch, Waldrodung etc. an den Naturkatastrophen haben, die den Globus offenkundig immer heftiger heimsuchen. Kaum ein seriöser Wissenschaftler bezweifelt aber, dass extreme Ausschläge zunehmen und immer extremer werden: Schauer wird Starkregen, Gewitter wird Orkan, Trockenheit wird Dürre. Wir beobachten mächtige Konvulsionen: der stärkste Hurrikan seit Beginn der Wetteraufzeichnung, die schlimmste Flutwelle, die längste Hitzeperiode. Sind wir es? Ist es die Natur selbst, die im Laufe der Erdgeschichte das Gesicht dieses Planeten ja immer wieder grundstürzend und tödlich verändert hat? Wir wissen es nicht.

Aber es ist von einer grausam-grimmigen Ironie, dass Naturgewalten ohnegleichen die USA schon im ersten Amtsjahr ausgerechnet jenes Präsidenten verheeren, der in beispielloser Weise Vernunft durch selbstherrlichen Irrationalismus, infantilen Wahn und schamlose Dummheit ersetzt. Der mit zynischer Ignoranz mühsam verhandelte Umweltabkommen der Weltgemeinschaft torpediert. Der blinden nationalen Egoismus über globale Verantwortung stellt, als ob „America first“ überhaupt einen Sinn hätte, wenn Texas und Florida verwüstet oder gar in Teilen vom Erdboden verschwunden sind.

Lange, bevor die Wissenschaft des 20. Jahrhunderts den Blick in die gewaltigen Räume des Universums geöffnet hat, spürte Arthur Schopenhauer das Unheimliche der Natur. Durch den unendlichen Raum, schrieb er, ziehen „zahllose leuchtende Kugeln, um jede von welchen etwa ein Dutzend kleinerer, beleuchteter sich wälzt, die inwendig heiß, mit erstarrter, kalter Rinde überzogen sind, auf der ein Schimmelüberzug lebende und erkennende Wesen erzeugt hat – dies ist die empirische Wahrheit, das Reale, die Welt“. Die Natur kümmert sich nicht um diese lebenden und erkennenden Wesen, auch nicht um die Toten, nicht um das Leid der Obdachlosen, nicht um die Ertrunkenen und Erschlagenen, nicht um die Tränen der Zurückgeblieben und die Verzweiflung derer, die alles verloren haben. Die Erdkugel zieht weiter durch leere Räume. Ein neuer Schimmelüberzug wird irgendwann andere Wesen hervorbringen – oder auch nicht. Die Natur funktioniert – so oder so. Aber es ist die größte Dummheit, die zynischste, verächtlichste Idiotie, nicht alles zu tun, was in menschlicher Macht steht, damit dieser Planet uns Heimat sein kann. In Amerika, in Asien, in Afrika, in Europa, in Deutschland – auf der Welt.

Zur Startseite Mehr aus Meinung der Redaktion

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse