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Weirich am Montag: Um Knopf und Kragen

Professor Dieter Weirich Foto: Eric Richard (priv.) Professor Dieter Weirich

Die Deutschen seien glücklich, wenn sie die Chance hätten, unglücklich zu sein, lautet eines der gängigen Vorurteile der Angelsachsen über uns. „Dunkel-Deutschland“ im Frühherbst gibt in diesen Tagen ausreichend Gelegenheit für Eintrübungen der Stimmung, ob es um Chemnitz, radikale Umweltaktivisten im Hambacher Forst oder die „Migranten als Mutter aller Probleme“ geht, so Horst Seehofer.

Eine gerade veröffentliche Umfrage zeigt: „German Angst“ ist zurück. Die Sorge der Deutschen gilt Spannungen durch den Zuzug von Ausländern, einer Überforderung des Staates, dem Terrorismus, der EU-Schuldenpolitik und Donald Trump aus „Crazytown“, wie Insider das Weiße Haus karikieren.

Die Sprache ist die entscheidende Waffe der Politik. Die Kleidung der Gedanken kann emotionalisieren, die Herzen erreichen, Themen setzen, gleichzeitig hat sie aber ein bösartiges Potenzial für Herabsetzung und Erniedrigung.

Für Entwaffnung kann aber Humor sorgen, in dem von Politik und Medien erzeugten, von teutonischem Bierernst durchsäuerten Klima allerdings viel zu wenig praktiziert. Es liege am ernsten deutschen Publikum, schon Ironie sei tödlich, behaupten Parlamentarier, die bei persönlichen Begegnungen durchaus in der Lage sind, sich selbst auf den Arm zu nehmen. Dabei wusste schon Joachim Ringelnatz, dass “ Humor der Knopf ist, der verhindert, dass uns der Kragen platzt“.

Eine Ausnahme im öden Krampf der Echokammern machte jetzt Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier, der einen Tweet der notorisch hysterischen AfD-Abgeordneten Beatrix von Storch poetisch konterte. Die immer mit Schaum vor dem Mund agierende „Störchin“ hatte nach Chemnitz gepostet: „Ihr seid nicht mehr. Ihr seid Merkels Untertanen, ihr seid abscheulich, tanzt auf Gräbern“ Darauf Altmaier, als Frohnatur eine Ausnahmeerscheinung, mit einem Reim Marke Eigenbau:„ Ihr spaltet und zerstört immerfort. Humanität ist stärker als garstig Wort“.

Kann man sich in Deutschland einen listigen Staatsmann wie John McCain in den USA vorstellen, der seine eigene Beerdigung mit der Verpflichtung ehemaliger Gegner zu Würdigungen an seinem Grabe inszeniert, um dem Amerika spaltenden Präsidenten aktuell eins auszuwischen? Dass man sich vor der Ewigkeit mit Humor verneigen kann, hat dann auch McCains ehemaliger Rivale um die Präsidentschaft, Präsident Obama, bewiesen.

Charles Dickens hat nicht nur die wunderbare Weihnachtsgeschichte geschrieben, sondern auch den Satz formuliert: „Der Humor nimmt die Welt hin, wie sie ist, sucht sie nicht zu verbessern und zu beheben, sondern mit Weisheit zu ertragen“. Bestrafen wir also künftig die Ritter für den tierischen Ernst mit Stimmenentzug und votieren wir für Knöpfe, die den Kragen nicht platzen lassen.

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