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Kommentar: Verlust für Brüssel

Von Martin Schulz verzichtet auf den Versuch einer erneuten Wiederwahl. Und das ist gut so.
Detlef Drewes Detlef Drewes

Martin Schulz verzichtet auf den Versuch einer erneuten Wiederwahl. Und das ist gut so. Sicherlich ist der SPD-Politiker eine der profiliertesten Persönlichkeiten, die je dieser europäischen Volksvertretung vorgestanden haben. Gerade deshalb durfte eine dritte Amtszeit nicht sein. Sonst hätte auch ihn, der stets auf Europas Werte gepocht hat, der Eindruck eingeholt, dass geschlossene Vereinbarungen nicht gelten, wenn es um den eigenen Stuhl geht. So aber macht Schulz klar, dass er akzeptiert, was versprochen wurde und was in einer demokratischen Institution sein muss: ein Amtswechsel.

Dass der erfahrene Europapolitiker Schulz Brüssel verlässt, ist dagegen ein Verlust, der wohl nur dadurch wettgemacht wird, dass er in einem neuen Job weiterhin für diese Gemeinschaft kämpfen wird. Denn wer diesen Ausnahme-Politiker immer wieder erlebt hat, weiß, dass Schulz nicht nur aufgrund seines Amtes hohes Ansehen genoss, sondern auch durch seine persönliche Art, europäische Geschichte zu verkörpern. Solche entschlossenen und charismatischen Europäer sind leider selten geworden, gerade in einer Volksvertretung, die bei jeder Entscheidung neu zeigen muss, dass sie nicht von EU-Kritikern und -Gegnern als Forum für eine Zerstörung von innen heraus instrumentalisiert werden darf.

EU-Parlamentspräsident Martin Schulz traf in Brüssel viele wegweisende Entscheidungen. Nun wechselt er nach Berlin.
EU-Parlamentspräsident tritt nach fünf Jahren im Amt nicht wieder an Martin Schulz wird ein Berliner

Nachdem sich Martin Schulz dafür entschied, seine politische Karriere in Berlin fortzusetzen, beginnt in Brüssel nun die Suche nach einem geeigneten Nachfolger. Unklar ist auch, wie Schulz sich in der SPD einbringen wird.

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Wer Schulz nachfolgt, wird es schwer haben. Nicht nur deswegen, weil die Gabe der politischen Rede ohnehin nicht allzu breit in diesem Parlament gestreut ist, sondern vor allem auch, weil er oder sie für Europa in einer schwierigen Phase nach außen zu werben hat. Dabei geht es keineswegs nur um die großen Sachfragen – vom Klimaschutz über die Bewältigung des Brexits oder die Neuordnung des Finanzmarktes. Mindestens ebenso wichtig ist, die Abgeordnetenkammer gegen den immer weiter um sich greifenden Nationalismus der Mitgliedstaaten in einem europäischen Fahrwasser zu halten. Dafür wird keine präsidial-abgehobene Persönlichkeit gebraucht, wie viele Vorgänger von Schulz dies waren. Gesucht ist ein Charismatiker, der mitreißen und begeistern kann. Und der die sich teilweise widerstrebenden Flügel in diesem Parlament zusammenführt, anstatt nur noch weiter zu spalten. Es stimmt: Martin Schulz hinterlässt in Brüssel eine Lücke. Aber er wird sicher auch künftig viel dazu tun, sie von Berlin aus zu schließen. Das ist tatsächlich so etwas wie ein Trost.

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