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Kommentar zu SPD: Wann wir „schrotten“ Seit’ an Seit’

Martin Schulz nimmt Abschied. Foto: Bernd von Jutrczenka (dpa) Martin Schulz nimmt Abschied.

Liebe SPD!

Herzlichen Glückwunsch. Du hast es geschafft, endlich. Dass die Republik sich aufregt über Dich, bist Du lange gewohnt. Dass sie Dich nervig findet, hast Du Dir mit Deiner Agenda-Selbstzerfleischung ehrlich erworben und seitdem – also kleine fünfzehn Jahre lang – ausgekostet. Und die Zickenkrone der Parteien trägst Du mit Stolz. Schließlich hast Du trotz allem – nein, nicht genau deswegen! – ja doch Deine Fans. Gut, es sind dann über die diversen Bundestagswahlen hinweg schon immer weniger geworden; in zwanzig Jahren ist Dir die Hälfte davongerannt. Aber Du findest stur, das habest Du nicht verdient – weil: Niemand sonst will schließlich, so wie Du, nicht bloß Deutschland, sondern gleich die ganze Welt gut machen und gerecht. Und niemand hat so hehre Werte wie Du: Freiheit. Gleichheit. Brüderlichkeit. Einigkeit. Ach, und nicht zu vergessen: die Solidarität!

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Wie ernst Du sie nimmst, vor allem die beiden letzteren, dafür lieferst Du seit einer Woche Brillanzbeweise in Serie. Wie einig sich doch Sigmar Gabriel und Martin Schulz sind, dass der jeweils andere ein egoistischer Karrieregeier ist – großartig! Wie solidarisch Andrea Nahles Martin Schulz den Weg ins Außenministerium bahnen wollte und er ihr dafür den an die Parteispitze – phänomenal! Wie frei Martin Schulz dann nach und nach doch allen Ämtern entsagt hat – famos! Und wie schwesterlich die SPD damit alle Blicke des zwischen Staunen und Entsetzen schwankenden Publikums auf sich zieht – und also weg von der CDU, die sich ja sonst mit ihrem dilettantischen Anti-Merkel-Aufständchen blamieren würde: Nicht zu toppen!

Vor der Statue von Willy Brandt präsentiert SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil (von links nach rechts) die neue Wunsch-Chefin der Sozialdemokraten, Andrea Nahles, und den Interims-Parteichef Olaf Scholz
Führungswechsel Die SPD im Aufbruch

Die Zukunft der deutschen Sozialdemokratie entscheidet sich am 22. April in Wiesbaden. An diesem Tag wählt die SPD in der hessischen Landeshauptstadt ihre neue Spitze. Das gab Martin Schulz gestern Abend bei seinem emotionalen Abschied bekannt. Die Wunschkandidatin des Präsidiums heißt Andrea Nahles. Doch zunächst übernimmt Olaf Scholz das Ruder – und es gibt eine Gegenkandidatin.

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Von wegen. Du kannst immer noch zulegen. Wählst Martin Schulz mit hundert Prozent zum Vorsitzenden, bestätigst ihn – trotz unübersehbarer Schwäche – mit 82 und lässt Dir zwei Monate später von ihm den Bettel vor die Füße werfen. Und glaubst jetzt allen Ernstes, Du könntest Dir leisten, die Trümmerfrau noch vor ihrem Amtsantritt zu mobben – bloß weil sie Lust auf den Job hat und erwiesenermaßen im Kungeln sozialdemokratische Spitzenklasse ist.

Liebe SPD, es ist ja nicht so, dass die Republik Dir nicht schon längst jede Dummheit zugetraut hätte. Aber dass Du nach diesem politischen und moralischen Großversagen jetzt weiter Theater machst, statt Dich endlich zusammenzureißen, in der Parteizentrale ebenso wie in Oberbürgermeisterinnen-Büros und überhaupt – unfasslich! Wer, bitte, soll Dir noch vertrauen? Wer auch nur die klitzekleinste Hoffnung in Dich setzen? Wer von Dir regiert werden wollen?

Es ist unendlich schade, liebe SPD: Aber so, wie Du gerade beieinander bist, braucht die Republik Dich nicht mehr. Spar Dir den Mitgliederentscheid! Gib’ den Jusos frei! Du kannst Dich stattdessen weiter mit aller Hingabe selbst schrotten – und dazu Dein altes Kampflied schmettern. Du musst nur drei Buchstaben ändern, dann passt es. Oder kriegst Du das etwa auch nicht hin?

Mach’s Dir schön!

Deine Cornelie Barthelme

politik@fnp.de

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