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Kommentar: Warum die AfD kein guter Schutzhafen für Juden ist

Eine Vereinigung von Juden in der AfD? Auf den ersten Blick erscheint die Initiative, die sich am Samstag offiziell gründen will, als komplett absurd; auf den zweiten könnte es doch eine gewisse Logik haben; auf einer dritten und entscheidenden Ebene ist es wiederum äußerst merkwürdig.
Emnid-Sonntagstrend: Die AfD ist erstmals an der SPD vorbeigezogen, und die große Koalition hat keine Mehrheit mehr. Foto: Peter Steffen Emnid-Sonntagstrend: Die AfD ist erstmals an der SPD vorbeigezogen, und die große Koalition hat keine Mehrheit mehr.

Im Ergebnis ist AfD keine geeignete Heimstatt und kein wirklicher Schutzhafen für Juden. Denn dazu braucht es eine Demokratie, die Minderheiten schützt und Rassismus aller Art ablehnt. Und in dieser Hinsicht ist die AfD wirklich nicht über alle Zweifel erhaben.

<span></span> Bild-Zoom Foto: (FNP)

Doch der Reihe nach. Da der Rechtsextremismus in der schlechten Tradition des Nationalsozialismus meist auch antisemitisch ist, erscheint es als zumindest schizophren, wenn sich Juden in der AfD engagieren wollen. Doch wenn man bedenkt, dass die AfD immer wieder beteuert, nicht antisemitisch eingestellt zu sein, sondern im Gegenteil Juden vor Islamisten schützen zu wollen, scheint die Neugründung doch Sinn zu machen. Aus Frankreich hört man, dass nicht wenige Juden auswandern und andere sich beim rechten Front National engagieren, da sie sich nicht ausreichend geschützt fühlen. In Paris gab mehrere Morde von Muslimen an Juden, die anfangs als Taten von Irren verharmlost wurden, aber eindeutig auch antisemitisch motiviert waren.

Auch in Deutschland gibt es zunehmend Mobbing und körperliche Gewalt gegenüber Juden. Zwar sind die rechtsextrem motivierten antisemitischen Straftaten immer noch klar in der Mehrzahl, aber physische Übergriffe gehen meist von jungen Muslimen aus. Hier ist zweifellos durch die starke Zuwanderung aus dem arabischen Raum zusätzlich zum schon vorhandenen Antisemitismus ein neuer Faktor hinzugekommen, der nicht unterschätzt werden sollte. Juden, die traditionell Verständnis für Migranten haben, sehen diesen neuen Antisemitismus mit weit größerer Sorge, als aus offiziellen Verlautbarungen ihres Zentralrats hervorgeht.

Wenn einige Juden vor diesem Hintergrund ausgerechnet Schutz bei der AfD zu suchen, wirkt das dennoch überraschend. Eine Erklärung dafür ist, dass die Initiatoren offenbar zu den Russlanddeutschen gehören, bei denen es zum einen des öfteren in Putin-Tradition eine gewisse Nähe zu autoritärem Denken gibt. Und zum anderen eine starke Identifizierung mit der israelischen Regierung von Benjamin Netanjahu, die eine harte Linie gegenüber den Arabern fährt.

Es ist allerdings äußerst fraglich, ob jüdische Schutzinteressen bei der AfD wirklich gut aufgehoben sind. Schließlich gibt es auch knallharte Antisemiten bei der AfD. So duldet sie weiter den baden-württembergischen Abgeordneten Wolfgang Gideon, der eindeutig antisemitische Phantasien verbreitet. Wegen ähnlicher Gedanken ist einst der Fuldaer AfD-Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann aus der CDU geflogen. AfD-Spitzenpolitiker Björn Höcke hat das Holocaust-Denkmal als „Mahnmal der Schande“ bezeichnet und AfD-Chef Alexander Gauland die zwölf Jahre NS-Herrschaft, in der Millionen Juden ermordet wurde, mit dem Unwort „nur ein Vogelschiss“ als Fußnote der Geschichte bagatellisiert.

All das lässt stark daran zweifeln, dass das Eintreten der AfD für die jüdische Sache ehrlich gemeint ist. Das Handeln nach der Logik „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“ führte in der Geschichte schon zu manch bösem Erwachen.

dieter.sattler@fnp.de Bericht auf dieser Seite

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