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Kommentar: Weirich am Montag: Im Schlafwagen zur Macht

Im sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten Martin Schulz hat Merkel den idealen Gegner gefunden.
Angela Merkel. Foto: Maurizio Gambarini/Archiv Angela Merkel. Foto: Maurizio Gambarini/Archiv

Als in den siebziger Jahren der junge CDU-Bundestagsabgeordnete Jürgen Todenhöfer, später Burda-Vorstand, heute Nahost-Experte und Verleger, dem damaligen Oppositionsführer Helmut Kohl angesichts matter Vorstellungen vorwarf, „im Schlafwagen komme man nicht zur Macht“, reagierte dieser erbost. Solche Vorstöße bestrafte Kohl mit Ausgrenzung. Seine Nachfolgerin Angela Merkel zeigt, dass die „Schlafwagen-Methode“ durchaus erfolgreich sein kann.

Dieter Weirich Bild-Zoom Foto: Eric Richard (priv.)
Dieter Weirich

Eigentlich sind wir in der heißen Phase des Wahlkampfes für die bundespolitische Entscheidung am 24. September, es merkt’s nur niemand. Merkel ist im Urlaub, wo höchstens Selfies mit Wanderern und nicht Flüchtlinge drohen, sie thront präsidial über dem Parteien-Streit, bedient den seit dem Kaiserreich vorhandenen Anti-Parteien-Reflex, bleibt unaufgeregt.

Ob Türkei- oder Eurokrise, G 20-Krawalle oder verkorkste Energiewende, sie denkt nicht daran, den Wähler mit Politik zu behelligen. Sie weiß, dass die Deutschen von Harmoniesucht geleitet werden, große Koalitionen populär sind und nicht der Hauch einer Wechselstimmung spürbar ist. Am liebsten hätten die Deutschen eine große Schweiz, zumindest soll aber alles so bleiben, wie es ist.

Diese Strategie der „asymmetrischen Demobilisierung“ kennt man aus früheren Wahlkämpfen. Nur keine Dramatisierung der Lage, kein Ansatz von Polarisierung, übertriebener Kontrast ist schädlich. Rhetorische Umarmungen sind bekanntlich gefährlicher als giftige Wortgefechte, das Publikum mag keine Zuspitzungen. Wie hatte doch die Berliner US-Botschaft ihrem State Department Merkel bereits 2010 beschrieben: Sie sei „wie mit Teflon beschichtet“. Nicht nur schwäbische Hausfrauen wissen, dass bei mit Teflon beschichteten Bratpfannen nie etwas anbrennt.

Im sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten Martin Schulz hat Merkel den idealen Gegner gefunden. Er versucht mit einem „Wahlkampf der Luftschlösser“, Milliarden-Versprechungen bei der Rente, staatlichen Bildungs-Guthaben für jeden Einzelnen die Lage zu dramatisieren und seine angesichts der Regierungsbeteiligung der SPD problematische „Doppelte-Lottchen-Rolle“ vergessen zu machen. Polemische Überzeichnungen und der Vorwurf, Merkels Arbeitsverweigerung als Wahlkämpferin sei ein Anschlag auf die Demokratie, trägt Züge der Verzweiflung.

Zur Emotionslosigkeit dieses Wahlkampfes gehört nicht die in früheren Auseinandersetzungen immer wieder gehörte Behauptung, wir stünden vor einer „Schicksalswahl“. Ich war nie ein Freund solcher Überzeichnungen, doch verlangt die fragile Weltlage eigentlich klare Aussagen zur Selbstbehauptung beim Ansturm von Flüchtlingen und bei der Bewältigung der europäischen Finanzkrise. Nie waren über den Tag hinausgehende Ziele gefragter, nie stand unser Schicksal mehr auf dem Spiel.

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