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Weirich am Montag

Dieter Weirich Dieter Weirich

Das Schauspiel Hannover liebt bisweilen politische Stoffe. „Verrat und Argwohn lauscht in allen Ecken“ könnte Intendant Lars Ole Walburg den Freiheitshelden Wilhelm Tell in Schillers „Räubern“ rufen lassen.

Für eine aktuelle Verrats-Inszenierung böte sich auch Shakespeares Gaius Julius Caesar an, der bei seiner Ermordung den Verrat durch den väterlich geförderten Brutus mit einem letzten seufzenden „Auch, du Brutus“ begleitete. Die Regie müsste sich vielleicht vorhalten lassen, die Landtagswahl in Niedersachsen
am 15. Oktober beeinflussen zu wollen.

Verrat ist in Deutschland eine moralischere K.o.-Formel als anderswo, denn irgendwie gilt Treue in treulosen Zeiten hierzulande als besonders hoch einzustufender Wert. Zwei Wahlen hat das Verrats-Thema stark beeinflusst. Der populäre Kanzler Willy Brandt war wegen seiner Ostpolitik 1972 von einer Reihe von FDP und SPD-Abgeordneten wie Mende, Kühlmann-Stumm oder Hupka verlassen worden, hatte ein Misstrauensvotum gegen Rainer Barzel überstanden. Er fühlte sich verraten, machte die Bundestagswahl 1972 zur Volksabstimmung über die Ostpolitik. Mit Erfolg.

„Verrat in Bonn“ plakatierte die SPD 1978 bei der hessischen Landtagswahl, nachdem die FDP mit dem Lambsdorff-Papier eine Brandfackel in den Wahlkampf geworfen und mit Genscher an der Spitze den Auszug aus der Regierung von Helmut Schmidt geprobt hatte.

Der sicher geglaubte Erfolg der Union mit Alfred Dregger war angesichts der hochmobilisierten SPD dahin. Als Weltkriegs-Offizier Dregger das Verrats-Plakat erstmals sah, sagte der mit einem feinen Gespür für den Wähler ausgestattete Spitzenkandidat mit einer Spur von Fatalismus zu mir: „Jetzt ist die Sache gelaufen“.

Mit erheblichem rhetorischem Aufwand versucht die SPD jetzt angesichts des Übertritts einer grünen Hinterbänklerin eine „Verrats-Kampagne“ in den Niederungen von Niedersachsen, man wittert sogar Stimmenkauf.

Nichts charakterisiert die Themenarmut bei den Welfen mehr als das Motiv des Übertritts der Zollbeamtin. Es sei der „Wolf gewesen“, also zu geringe Anstrengungen gegen die Ausbreitung des Raubtiers. „Niedertracht in Niedersachsen“ können die Koalitionsparteien in Hannover schon deshalb nicht rufen, weil in Thüringen der Erfurter AfD-Abgeordnete Oskar Helmerich durch seinen Übertritt zur SPD die hauchdünne Mehrheit der rot-rot-grünen Allianz sichert. Man stelle sich den Lärm vor, die CDU hätte einen AfD-Wechsler locker aufgenommen.

Unvergessen sind auch noch die Bilder aus dem Europawahlkampf 2009, wo SPD-Vormann Martin Schulz den Übertritt der linken Europa-Abgeordneten Sylvia Yvonne Kaufmann zur SPD feierte.

Vom Franzosen Talleyrand wissen wir, dass „Hochverrat eine Frage des Datums“ sei.

„Auch du, Brutus“ ,bei hauchdünnen Mehrheiten eine dauernde Bedrohung.

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