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Welt von gestern

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<span></span> Foto: (FNP)

Ob mit Bob Dylan nun der Orpheus unserer Zeit den Literatur-Nobelpreis erhält oder nur ein Rockmusiker mit besseren Versen, aber schlimmer Stimme – diese Frage ist noch nicht entschieden. Auch, ob die Wahl der Jury nun eine Erweiterung des Literaturbegriffs ist oder nur eine einmalige Ehrerweisung an einen alternden Zeitgeist, bleibt vorerst offen. Lyriker wie Rilke, Celan oder Brecht haben den Preis jedenfalls nicht bekommen. Bob Dylan schon. Doch das ist gut so. Denn Dylan ist, was immer man sonst noch über ihn sagen mag, ein Autor, ein Singer/Songwriter, ein souveräner Künstler. Eine Spezies, die gefährdet ist.

Schon seit längerer Zeit nämlich, das bemerkt man nicht nur auf der Frankfurter Buchmesse, wo sich inzwischen auch Google und Amazon inszenieren, ist der Typus des „Content-Managers“ neben den klassischen Autoren getreten. „Content-Manager“ führen Regie über Websites oder Internetportale und füttern sie mit flüchtigem Inhalt („Content“): mit Texten, Bildern oder Videos. Sie verstehen viel von Technik und Kommunikation, mitunter etwas von Psychologie und Hirnforschung, meist etwas von Bedürfnisbefriedigung, Konsum- und Mediennutzungsverhalten. Und von Verkaufsstrategien. Der „Content-Manager“ orchestriert, verwaltet und arrangiert Inhalte beliebiger Art, die zur Erzeugung eines virtuellen Milieus dienen, in dem Menschen bereit sind, ihre Aufmerksamkeit zu lassen und – das ist das Entscheidende – ihr Geld.

Während der Autor ein mehr oder minder komplexes Werk schafft, das – bestenfalls – Ausdruck einer Weltsicht, geistiger, emotionaler oder gesellschaftlicher Zustände und Turbulenzen ist, instrumentalisiert und montiert der „Content-Manager“ Material. Während der Autor – bestenfalls – Anschauungen hat, Haltungen, gar eine Botschaft, spielt der „Content-Manager“ wie ein Animateur mit Anschauungen, Haltungen und Botschaften. Ist für den Autor das Werk der Zweck, benutzt der „Content-Manager“ Werke anderer für ganz verschiedene, oft kurzfristige Zwecke. Der „Content-Manager“ trat mit dem digitalen Zeitalter und dem Anfang vom Ende einer Schrift- und Buchkultur, wie wir sie kannten, in Erscheinung. Doch was bedeutet es, vom Ende dieser Kultur zu sprechen?

Es bedeutet, dass die Art, wie Geschichten erzählt werden, künftig eine andere sein wird. Es bedeutet, dass sich unser persönliches und kollektives Gedächtnis verändern wird. Es bedeutet, dass sich unser Bewusstsein, unser Denken, unsere Gefühle, unser Weltverständnis, dass sich unsere menschlichen Beziehungen, unsere politische, ökonomische und kulturelle Verfasstheit wandeln werden. Wir alle sind nicht nur Zeugen, wir alle sind Teil und Akteure dieses technikgetriebenen Prozesses.

Wir beobachten, wie Jobs, wie ganze Branchen und Industrien untergehen. Wir sehen, wie sich in den Sozialen Netzwerken der Stil öffentlicher Debatten auf eine Weise radikalisiert und enthemmt, der längst nicht nur einzelne Menschen bedroht, sondern das Gemeinwesen insgesamt. Frank Schirrmacher sprach von einem „technologischen Totalitarismus“, dessen Folgen die wenigsten bislang begriffen hätten, am wenigsten jene, die – oft mit besten Absichten – an und in ihm arbeiteten.

Der Typus des Autors ist eine identifizierbare Person. Der „Content-Manager“ verschwindet in einer anonymen Struktur. Der Autor setzt sich mit seiner ganzen Existenz dem Publikum aus. Der „Content-Manager“ bleibt unsichtbar im digitalen Nebel. Die Grenzen verschwimmen: Der Autor selbst wird zunehmend Teil eines umfassenden Netzwerks. Er verliert seine persönliche Kontur. Verliert er auch seine Haltung? Seine Möglichkeit zur Kritik? Seine Fähigkeit zu Reflexion und Empathie? Zur Kunst?

Bob Dylan, der Autor, stand für Einspruch und Protest, für eine existenzielle Auseinandersetzung mit der Welt, die sie nicht nur hinnahm oder reproduzierte, sondern die sie befragte, poetisch verzauberte oder in ihren Defiziten entlarvte. Dass Dylan jetzt mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet wird, hat fast etwas Rührendes. Es mutet an wie ein Ritual aus einer Welt von gestern. Auf der Buchmesse wird bereits das beste „Content-Start-up“ ausgezeichnet.

michael.kluger@fnp.de

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