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Zeit zum Nachdenken

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Wer schon einmal wegen eines Bechers Buttermilch, der herrenlos herumstand, aus einer S-Bahn geflüchtet ist – der weiß, wie verrückt Terror oder auch nur seine Möglichkeit selbst Menschen machen kann, die sich für unaufgeregt und vernunftdominiert halten. Und dass weder Terroristen noch die von ihnen erzeugte Verstörung um Deutschland einen Bogen machen – das haben die Sauerland-Gruppe, die Koffer-Bomben vom Hauptbahnhof Bonn und der grandios danebenformulierte Minister-Satz zur Fußball-Länderspielabsage in Hannover vor knapp einem Jahr bewiesen.

Vielleicht ist die Republik gerade wirklich wieder einmal knapp davongekommen. Vielleicht war Dschaber al-Bakr tatsächlich knapp davor, sich und möglichst viele andere in möglichst viele Fetzen zu sprengen. Vielleicht hocken in weiteren Wohnungen weitere Fanatiker oder von Fanatikern Verführte und mischen Sprengstoffe und basteln Bomben. Sicher ist allein: Deutschland ist, wie Frankreich, Belgien, Großbritannien, wie Europa, die USA, für den internationalen Terrorismus Aufmarsch- und Kampfgebiet. Und das, nur zur Erinnerung, nicht erst seit September 2015 und seit Angela Merkel ihren humanitären Imperativ entdeckte.

Aber genau so wird der Chemnitzer Fall gerade diskutiert. Und benutzt. Die schon immer die Aufnahme Hunderttausender Flüchtlinge für falsch bis katastrophal hielten, ziehen jetzt die große Siehste-Karte und fordern, als hätten sie’s eben erfunden, was sie sowieso und stets fordern: Ausweitung von Gesetzen, Überwachungserlaubnissen und Datenaustausch. Die Zuwanderung schon immer positiv sehen und als Patentrezept gegen fast alle Demografie-Malaisen, preisen die Männer, die al-Bakr überwältigten: als wandelnde Belege ihrer Philosophie.

Selbstverständlich ist das kein bisschen differenziert. Und kein bisschen fundiert sowieso. Aber ihre Erfahrung hat die Damen und Herren gelehrt: So lange sie reden, kommt die Republik nicht so leicht zum Nachdenken. Und zum Fragen.

Dabei wüsste man schon gerne, warum sie in den Parlamenten und Parteizentralen über diesen von Ratlosigkeit erzeugten Aktionismus nicht endlich hinauskommen – wo doch die Kriminalisten, die Praktiker also, schon ebenso lange wie vergeblich langfristige Anti-Terror-Konzepte fordern. Wieso sie glauben, sie müssten nur in möglichst hoher Frequenz von Sicherheit reden – und Menschen, vor allem die Wähler, würden sich prompt sicher fühlen. Und weshalb sie sich einbilden, es ginge wirklich darum, dass sie – getreu ihrer Lieblings-Leerformel – immer sofort „Handlungsfähigkeit beweisen“. Statt endlich zu begreifen, dass erwiesene Denkfähigkeit nicht nur sehr viel wichtiger wäre – sondern außerdem auch deutlich beruhigender.

Berichte Seiten 1 und 2

politik@fnp.de

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