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Kommentar zu Deutschland: Zuversichts-Defizit

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Foto: Andreas Lander Foto: Andreas Lander

Wohin man blickt an diesem Samstag: Kein heller Fleck am Horizont – egal, wo der verortet wird. In Berlin? Herrscht Ruhe. Aber nur, weil Angela Merkel gedanklich schon in der EU-Zentrale ist, beim Vor-Gipfel. Also in Brüssel? Dort hat Jean-Claude Juncker zwar schon am Donnerstag die Abschlusserklärung für sein überstürzt anberaumtes Merkel-Rettungs-Arbeitstreffen in die mediale Landschaft gejagt – aber zum einen wird man sich erst am Sonntag treffen und zum anderen steht nichts darin, was als Lösungsformel für den deutschen Asylstreit zu lesen wäre.

Möglicherweise dann in München? Dort munitioniert die CSU sich für den Koalitionsausschuss am Dienstag auf. Da wollen Horst Seehofer und Alexander Dobrindt dann gleich auch noch ihren Zorn über den Eurozonen-Haushalt lodern lassen, den die Kanzlerin in Meseberg mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron vereinbart hat. Bliebe – vielleicht Sotschi? Ach, ehe Jogis Jungs bei der WM nicht die Schweden abgefertigt haben werden, drückt auch der Fußball Deutschland aufs kollektive Gemüt. Vielleicht stärker als alle Politik.

„Politische Führer und einfache Bürger sind gleichermaßen hin- und hergerissen zwischen hektischer Aktivität und fatalistischer Passivität“, schrieb der bulgarische Politologe Ivan Krastev in seinem 2017 erschienenen Essay „After Europe“, also „Nach Europa“. Das war nicht örtlich gemeint, sondern zeitlich. Präziser ist die Stimmung in der Republik zu Beginn dieses Sommers – des dritten, seit Flüchtlinge und überhaupt Migranten zum alles beherrschenden Thema geworden sind – nicht zu beschreiben.

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Man kann die Diagnose kürzer fassen, die diesem Hin und Her, diesem Wechsel von Merkel’scher Langsamkeit und Seehofer-Söder’scher Hast, zugrunde liegt: Deutschland hat ein Zuversichts-Defizit; und es scheint sich gerade von einem akuten Syndrom in ein chronisches Leiden zu verwandeln.

Und ja: Man darf jetzt – auch wenn es nichts nützt – durchaus kurz mit dem Blick der anderen kommen. Der Griechen etwa, die außer vielen Flüchtlingen eine schon acht Jahre währende Finanz- und Wirtschaftskrise stemmen müssen. Von Athen oder Heraklion aus betrachtet sind die Deutschen mit ihrer Hasenherzigkeit verrückt.

Aber selbstverständlich hat die Republik Probleme, ganz objektiv. Nicht das kleinste dabei ist – die Bundesregierung. Die Zeiten sind unruhig, die Welt sortiert sich neu, Europa wankt, es müsste jetzt groß gedacht und gehandelt werden – aber die Firma Merkel & Compagnie braucht all ihre Energie zur kleinteiligsten Klärung von Führungs- und Strategiefragen. Wochen- und monatelang. Im Übrigen macht jede und jeder, was sie und er will.

Wohin also blickt man am besten an diesem Samstag? Eventuell in die Röhre. Auch wenn die längst Flatscreen heißt.

politik@fnp.de

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