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Geburtenrate in Deutschland: 1,5 Kinder pro Frau

Frauen in Deutschland bekommen wieder mehr Babys. Allerdings sind es immer noch weniger Kinder als im EU-Durchschnitt. Woran liegt das?
Das gefällt auch den Neugeborenen der Universitätsfrauenklinik in Leipzig nicht: Mit durchschnittlich 1,5 Kindern je Frau wird das Schrumpfen der Bevölkerung in Deutschland weiterhin nicht gestoppt. Foto: Waltraud Grubitzsch (dpa-Zentralbild) Das gefällt auch den Neugeborenen der Universitätsfrauenklinik in Leipzig nicht: Mit durchschnittlich 1,5 Kindern je Frau wird das Schrumpfen der Bevölkerung in Deutschland weiterhin nicht gestoppt.
Wiesbaden. 

Die Geburtenrate in Deutschland ist so hoch wie seit mehr als 30 Jahren nicht mehr. Trotzdem bekommen die Frauen in vielen anderen europäischen Ländern mehr Kinder. Ein Grund ist nach Einschätzung von Fachleuten die „Zwei-Kind-Norm“ in der Bundesrepublik. Aber die bröckelt.

Wie schneidet Deutschland im EU-Vergleich ab?

Trotz des Anstiegs liegt Deutschland (2015) bei der Geburtenziffer (1,50) auf dem 16. Platz von 28 EU-Ländern. „Das ist unteres Mittelfeld“, sagt Martin Bujard, Forschungsdirektor beim Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung. Im EU-Durchschnitt bekommen die Frauen 1,58 Kinder. Frankreich führt die Liste mit 1,96 Kindern je Frau an, gefolgt von Irland (1,92) und Schweden (1,85). Schlusslicht sind Portugal (1,31) sowie Polen und Zypern (je 1,32).

Welchen Anteil hat die Familienpolitik?

Österreich (1,49) und die Schweiz (1,54) kommen auf eine ähnliche Geburtenziffer wie die Bundesrepublik – trotz einer anderen Familienpolitik. Das ist nach Einschätzung von Sebastian Klüsener vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung ein Beleg dafür, dass sich die weitgreifenden familienpolitischen Reformen in Deutschland in den vergangenen Jahren nur sehr langfristig auf die Geburtenziffer auswirken werden. Frankreich und Skandinavien, wo die Vereinbarkeit von Familie und Beruf schon viel länger gefördert wird, verzeichnen deutlich höhere Geburtenraten als Deutschland.

Warum werden die Frauen in Deutschland wieder häufiger Mutter?

Akademikerinnen in Deutschland bekommen wieder mehr Kinder – nach Einschätzung von Bujard ein Beleg dafür, dass die Familienpolitik Wirkung zeigt. „Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie kann vor allem dazu beitragen, dass Menschen überhaupt Eltern werden und sich für ein oder zwei Kinder entscheiden.“ Die meisten Zuwanderer sind jung und tragen zumindest kurzfristig auch zu einer erhöhten Geburtenziffer bei, ergänzt Klüsener.

Warum haben Frauen in anderen EU-Staaten mehr Nachwuchs?

Der wichtigste Grund für das Geburtentief in Deutschland ist, dass sich so wenige für drei Kinder oder mehr entscheiden, wie Bujard sagt. „In Frankreich, den USA und Skandinavien haben viel mehr Paare ein drittes Kind.“ Die Zwei-Kind-Norm in Deutschland – am besten Junge und Mädchen – sei kulturell bedingt und werde oft gar nicht hinterfragt.

Woher kommt das?

Eine Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung ergab, dass sich der Anteil von Geburten eines dritten Kindes Ende der 50er bis Ende der 60er Jahre plötzlich enorm reduziert hat, wie Bujard berichtet. „Kinderreiche Familien galten zunehmend als asozial.“ Als Gründe nennt Bujard die aufkeimende Debatte über die Überbevölkerung auf der Erde. Gut gebildete Menschen hätten damals zudem oft nur zwei Kinder gehabt und damit als Avantgarde gegolten. So sei die Anti-Baby-Pille zunächst vor allem Frauen verschrieben worden, die das dritte Kind vermeiden wollten.

Ist eine Änderung in Sicht?

„Die 20- bis 39-Jährigen sind sehr positiv gegenüber kinderreichen Familien eingestellt, nehmen aber eine gewisse Stigmatisierung wahr“, beschreibt Bujard die Ergebnisse einer neuen Studie. Da diese Stigmatisierung von der älteren Generation ausgehe, sei ein kultureller Wandel möglich. „Es könnte sich also ändern und das dritte Kind wieder ,in‘ werden.“

Ist das Schrumpfen der Bevölkerung gestoppt?

Nein. Dafür wären rechnerisch 2,1 Kinder pro Frau notwendig. Die Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter in Deutschland ist derzeit einfach deutlich niedriger als die der alten Menschen. „Die Kinder, die vor 30 Jahren nicht geboren wurden, können heute nicht Mütter sein“, sagt Bujard. Erst ab 2040 sei mit einer Verringerung der Lücke zwischen den Geburten und den Sterbefällen zu rechnen, sagt Bevölkerungswissenschaftler Klüsener.

Warum liegen Portugal und Polen bei den Babys so weit hinten?

In Portugal (1,31) und Spanien (1,33) hätten viele Frauen ihren Kinderwunsch in der Finanzkrise erst einmal aufgeschoben, sagt Klüsener. „Das drückt die Geburtenziffer.“ In Polen (1,32) sei dagegen die Datenbasis schwierig, weil das osteuropäische Land bei der Bevölkerung die ausgewanderten Polen mitzähle, nicht aber die Kinder, die sie im Ausland bekämen. „Die Geburtenziffer könnte bis zu zehn Prozent über den veröffentlichten Zahlen liegen.“

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