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„Alles gut gemeint, aber nicht sexy“

Beim Finale des Eurovision Song Contest am 12. Mai in Lissabon ist Deutschland vertreten, aber auch Frankfurt ist auf ganz eigene Art beim Wettbewerb dabei. Was nicht einmal viele Fans wissen: Der Frankfurter Künstler Stefan Hantel (Künstlername Shantel) hat am moldawischen Beitrag mitgewirkt. Im Gespräch mit Redakteurin Pia Rolfs erzählt der 50-Jährige, wie es dazu kam und erklärt, warum Frankfurt in Deutschland die besten Zutaten für den ESC hätte.
Stefan Hantel alias Shantel hat ein eigenes Erfolgsrezept für Musik. Stefan Hantel alias Shantel hat ein eigenes Erfolgsrezept für Musik.

Hatten Sie schon früher mit dem Eurovision Song Contest zu tun?

STEFAN HANTEL: Ja, es ergaben sich immer da wieder Zufälle. So hat Serbien vor ein paar Jahren eine ziemlich am Original angelehnte Cover-Version von meinem Song „Disko Partizani“ eingereicht. Das Lied war von Goran Bregovic und hieß „Ovo je Balkan“. Ich habe mich erst geärgert, aber dann gegen rechtliche Schritte entschieden. Vor 13 Jahren hat mich die Band Zdob si Zdub aus Moldawien angeschrieben. Ihr Song hieß „Die Oma schlägt die Trommel“. Denen habe ich auch mit der Melodie geholfen, die waren bei mir in Frankfurt im Studio. Armenien, Griechenland und Rumänien haben mich ebenfalls schon angefragt. Ich habe mich da aber immer zurückgehalten.

Warum?

HANTEL: Ich habe eigentlich keinen Bezug zu einem Wettbewerb, bei dem Nationalitäten eine Rolle spielen. Meine Philosophie ist ja dem Nationalstaat entgegengesetzt. Ein Musikstück, das ein Land repräsentiert, finde ich irgendwie komisch. Aber in den letzten Jahren ist der ESC, etwa mit Conchita Wurst, ein Symbol für Toleranz geworden. Das finde ich begrüßenswert.

Wie kam es diesmal dazu, dass Sie an dem Beitrag für Moldawien mitgewirkt haben?

HANTEL: Mich rief vor ein paar Wochen der russische Sänger und Produzent Philip Kirkorov an, der ist so etwas wie der russische Dieter Bohlen. Für ihn habe ich schon öfter Songs geschrieben, er hat auch russische Versionen von meinen Songs gemacht. Er ist der Producer der moldawischen Band DoReDos. Er sagte: „Wir kommen hier nicht weiter, uns fehlt hier der letzte Feinschliff, das gewisse Etwas. Könntest Du uns nicht helfen?“

Was haben Sie genau geändert?

HANTEL: Mir ist sehr schnell etwas eingefallen. Ich habe den Song überarbeitet, ergänzt mit einer Melodie- und Harmoniephrase und ihn noch mal neu abgemischt. Die Moldawier fanden das großartig. Die Version, an der ich mitgearbeitet habe, wird jetzt in Lissabon aufgeführt.

Hätten Sie sich auch vorstellen können, für Deutschland einen ESC-Beitrag zu schreiben?

HANTEL: Es schreit eigentlich alles danach, so etwas auch für Deutschland zu machen. Ich würde das auch riskieren. Aber mein Konzept wäre so aufwendig, dass ich glaube, der NDR wäre damit überfordert. Außerdem bin ich nicht derjenige, der Klinken putzt.

Wurden Sie in Deutschland schon einmal für einen ESC-Song angefragt?

HANTEL: Nein. Hier macht noch nicht einmal das Goethe-Institut etwas mit mir, weil die sagen, meine Musik habe nichts mit Deutschland zu tun. Das können Sie vergessen.

Eurovision Song Contest in Lissabon

Der 63. Eurovision Song Contest wird in Lissabon ausgetragen, da im vergangenen Jahr Salvador Sobral („Amar Pelos Dois“) gewonnen hat. 43 Länder sind dabei – das ist ein Rekord.

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Es sind diesmal beim Song Contest viele Balladen dabei. Glauben Sie, dass ein tanzbares Lied wie Moldawiens „My Lucky Day“ da weiter vorne landet als das eher traurige „You Let Me Walk Alone“ von Michael Schulte?

HANTEL: Ich kenne den deutschen Beitrag leider noch nicht. Aber für mich sind Balladen in diesem Kontext immer ein bisschen Mogelpackung. Eine Ballade ist eine hochgradig emotionale Angelegenheit und damit nicht angreifbar. Ein Song ist jedoch erst erfolgreich, wenn auch Unbekannte in der Fußgängerzone ihn spielen. Ein Song-Contest-Beitrag muss einerseits den Körper und die Motorik ansprechen, einen andererseits aber auch emotional mitnehmen. Alle Gewinner haben diese Magie gehabt, egal wie trashig die Nummer war.

Der Sänger, der kurzfristig Oberbürgermeister werden wollte

Stefan Hantel, Jahrgang 1968, ist unter dem Künstlernamen Shantel bekannt. Er lebt in Frankfurt und arbeitet als Musiker, Musikproduzent und DJ.

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Scheitern die deutschen Beiträge daran, dass diese Magie fehlt?

HANTEL: Ja. Das ist alles gut gemeint, aber nicht sexy. Ein ESC-Erfolg lässt sich nicht am Reißbrett konstruieren. Da muss man das Analytische ausschalten, aber das können die Deutschen nicht. Wenn ich mir die deutschen Songs angucke, sind sie außerdem oft nicht authentisch. Was soll zum Beispiel ein Deutscher, der auf Frank Sinatra macht? La Brass Banda, die ja auch einmal angetreten sind, hätten dagegen eine authentische Botschaft gehabt und das Bierzelt-Klischee auf ironische Weise aufgenommen.

Warum hat Lena gewonnen?

HANTEL: Die Songwriter waren mit allen Wassern gewaschen, und Lena war ein total sympathisches und frisches Gesicht. Sie war als Person einfach super.

Manche sprechen von einer „Schwedisierung“ des Contests, weil sich viele Länder, die gewinnen wollen, schwedische Komponisten holen. Wird diese Ära irgendwann zu Ende sein?

HANTEL: Schweden ist ein Land, das unglaublich viel Geld in die Kulturförderung investiert. Das funktioniert sehr gut. Sie haben tolle Toningenieure, Produzenten und Künstler. Und wenn sich der Markt erst einmal auf eine solche Ästhetik einschwingt, dann kann man das relativ lange bedienen. Aber es gibt immer wieder Ausnahmen.

Wie könnten Sie sich einen deutschen Song-Contest-Beitrag vorstellen?

HANTEL: Wir sind ein großartiges Einwanderungsland und haben großartige Musiker aus der ganzen Welt. Wir könnten einfach ein Musikstück machen, das sich daraus zusammensetzt. Keinen Multikulti-Karneval, das meine ich nicht. Aber im Frankfurter Bahnhofsviertel springt mich aus jeder Ecke eine Melodie an. Ich würde einen deutschen Beitrag daher schon modern-elektronisch aufziehen, aber mit sehnsuchtsvollem, mediterranem oder östlichem Flavour. Wir sind ja ein Bindeglied zwischen Ost und West.

Also braucht der ESC mehr Frankfurt?

HANTEL: Frankfurt ist die wichtigste Stadt in Deutschland, die europäischste Metropole. Wir haben eindeutig die richtigen Zutaten und die Story, die der Song Contest braucht.

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