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Frage vor Verwaltungsgericht: Darf man mit Silikonbusen als Polizistin arbeiten?

Von Ist eine Polizistin mit Brustimplantaten gesundheitsgefährdet, weil diese im Einsatz reißen können? Mit dieser Frage befasste sich gestern wieder ein Verwaltungsgericht. Und die Verbraucherzentrale Hessen, ein Frankfurter Arbeitsrechtler sowie ein Hersteller aus Dieburg haben dazu ihre eigenen Ansichten.
Das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen urteilte gestern im Fall der Frau, die mit einem Silikonbusen Polizistin werden will Sie blieb der Urteilverkündung wegen des zu erwartenden Medieninteresses fern. Foto: Marcel Kusch (dpa) Das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen urteilte gestern im Fall der Frau, die mit einem Silikonbusen Polizistin werden will Sie blieb der Urteilverkündung wegen des zu erwartenden Medieninteresses fern.
Frankfurt. 

Wenn Brustimplantate in den vergangenen Jahren Schlagzeilen machten, dann vor allem im Zusammenhang mit Skandalen des Herstellers PIP. Aber sind sie so gefährlich, dass eine Frau mit Silikonbrüsten keine Polizistin werden sollte? Das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen urteilte gestern: nein – wie vorher schon Gerichte in München, Stuttgart und Berlin. „Ein generelles Verbot ist jetzt nicht mehr haltbar“, meint daher Robert Lentzsch, Fachanwalt für Arbeitsrecht in Frankfurt, im Gespräch mit dieser Zeitung.

Im gestern entschiedenen Fall trug die 32-jährige Klägerin aus Dortmund aus kosmetischen Gründen Brustimplantate und hatte sich 2013 für die Einstellung in den Polizeivollzugsdienst des Landes Nordrhein-Westfalen beworben. Dabei stieß sie auf ein Problem: Ein Polizeiarzt kam zu dem Ergebnis, sie sei für den Polizeidienst untauglich. Insbesondere bei körperlicher Gewalt könne es nicht ausgeschlossen werden, dass Implantate reißen. Damit orientierte er sich an der bundesweit geltenden Polizeiverordnung, nach der Frauen mit Brustimplantaten wegen erhöhter Verletzungsgefahr nicht für den Polizeidienst geeignet sind.

„Formstabiles Gel“

Das Unternehmen Polytech Health aus Dieburg, nach eigenen Angaben einziger deutscher Hersteller von Brustimplantaten und Marktführer in Europa, sieht das natürlich anders. „Wir führen bei uns in Dieburg regelmäßig normative vorgeschriebene Belastungstests durch, die belegen, dass Brustimplantate extreme Belastungen durch stumpfe Gewalt aushalten“, betont Oliver Bögershausen, der dort den Bereich Zulassungsangelegenheiten, Produktion und Forschung leitet.

Zwar sollten dauerhafte extreme Belastungen im Bereich der Brust vermieden werden, könnte an den Implantaten die „Einwirkung durch spitze Stich- oder Schusswaffen Hüllendefekte verursachen, räumt Bögershausen ein. Aber in diesem Fall würde ja sofort eine ärztliche Behandlung erfolgen und das Implantat gegebenenfalls entfernt werden, so dass keine langfristigen Folgen zu erwarten seien. Zudem enthielten Implantate der heutigen Generation ein „formstabiles“ Silikongel, das sich nicht im Körper verteilen würde.

Dass ein Auslaufen bei neueren Implantaten unwahrscheinlich ist, meint auch Daniela Hubloher, Patientenberaterin bei der Verbraucherzentrale Hessen. Allerdings weist sie drauf hin, dass Implantate nach zehn Jahren ausgetauscht werden sollten und das Früherkennungsuntersuchungen durch die Silikonimplantate möglicherweise eingeschränkt auswertbar sind. Aber stellen diese Umstände schon eine Gesundheitsgefährdung dar?

Arbeitsrechtsanwalt Lentzsch erklärt, es spiele eine Rolle, ob jemand mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit länger andauernd erkrankt oder eine Frühpensionierung droht. „Dann kann von einer Einstellung abgesehen werden“. Durch die Schutzkleidung werde schon Druck auf die Implantate ausgeübt, die Frage, ob sie reißen oder Gewebeveränderungen auftreten können, sei daher nicht unerheblich.

Es geht um die Entfaltung

Laut eines Gutachtens der Uniklinik Bonn bestand im Fall der Dortmunder Klägerin durchaus ein gewisses Risiko eines Risses oder einer schmerzhaften Umkapselung (Fibrose). Dieses liege aber unter 20 Prozent, hieß es in dem Prozess. Der Anwalt der Klägerin wies auf Besonderheiten der Implantate hin: Die Silikonkissen entstammten einer neuen Generation und seien hochwertig.

Lentzsch findet daher die Entscheidung des Verwaltungsgerichts Gelsenkirchen richtig: „Schließlich geht es auch um die individuelle persönliche Entfaltung der Polizistin. Die kann auch in einer Brustvergrößerung liegen und darf nicht ohne Grund eingeschränkt werden.“

So dürften Polizisten etwa auch Tätowierungen tragen, wenn diese von der Dienstkleidung verdeckt würden. „Wichtig ist bei ihnen vor allem, dass ihr staatliches Auftreten im Polizeidienst neutral erfolgt und sie bei der Ausübung des Amtes ernst genommen werden“, so der Arbeitsrechtler.

Eine eingeschränkte Beweglichkeit sei bei Brustimplantaten ebenfalls nicht anzunehmen. „Und wer so argumentiert, dürfte ja auch Frauen mit natürlicher großer Oberweite nicht einstellen. Das wäre aber erkennbar diskriminierend“, so Lentzsch.

Die Verordnung müsste daher seines Erachtens angepasst und konkretisiert werden – und sie müsste es auch berücksichtigen, falls die Implantate sicherer geworden seien.

Also keine Gefahr für die Sicherheit? Bögershausen vom Hersteller Polytech Health geht sogar noch weiter: „Theoretisch könnte ein Brustimplantat einen gewissen Schutz bei einem Angriff durch eine Stichwaffe bieten, weil die Distanz zu lebenswichtigen Organen durch das Implantat vergrößert wird.“

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