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Handwerk: Der Lederhosenmacher von Zell am See pflegt seine Tradition

Von Das Münchner Oktoberfest und seine zahlreichen Ableger, beispielsweise in Frankfurt, sind Kult. Der Trachtenmode hat das Aufschwung verliehen. Den spürt auch Tobias Zant im österreichischen Urlaubsparadies Zell am See. Der 37-jährige Säcklermeister fertigt in der siebten Generation Jacken, Westen und Hosen aus Hirschleder.
Säcklermeister Tobias Zant (rechts) im Gespräch mit einem Kunden. Seine Werke sind heiß begehrt. Da müssen auch schon mal Wartezeiten von mehr als einem Jahr in Kauf genommen werden. Säcklermeister Tobias Zant (rechts) im Gespräch mit einem Kunden. Seine Werke sind heiß begehrt. Da müssen auch schon mal Wartezeiten von mehr als einem Jahr in Kauf genommen werden.
Frankfurt. 

Von 12. September bis 7. Oktober steigt das Frankfurter Oktoberfest auf dem Parkplatz der Commerzbank-Arena. Der Veranstalter Eddy Hausmann fordert bei dem „Themenevent“ von den Besuchern „konzeptnahe Kleidung“, Jogginghosen und T-Shirts sind tabu. Herren müssen mindestens ein kariertes Hemd tragen. Die Krönung wäre natürlich eine original handgenähte Hirschlederhose aus dem Salzburgischen von Tobias Zant.

Doch da gibt es schon mal ein Handicap: Die Werke des Säcklermeister sind heiß begehrt, Lieferfristen von bis zu 22 Monaten sind die Folge. Frühestens für das Frankfurter Oktoberfest 2020 könnte Zant also für einen schneidigen Burschen eine Hose nähen. Seinen Kunden ist die Handarbeit die Wartezeit wert. Bisher haben alle die Wartezeit auf ihr Stück überlebt, bis auf einen: „Der kam bei einem Fluzeugabsturz ums Leben“, erinnert sich Zant.

Für die Ewigkeit

Was die Hände des Meisters verlässt, ist natürlich weit mehr als ein Party-Gag für einen Oktoberfest-Besuch und unterscheidet sich fundamental von chinesischer Billigware aus Ziegen-Spaltleder. Eine Hirschlederne aus Zants Händen überdauert die Jahrzehnte und kann an die Nachkommen vererbt werden.

Die Säckler-Zunft ist sehr alt. Im 8. Jahrhundert wurde sie erstmals erwähnt. Damals fertigte man aus tierischen Häuten Säcke für die Bergmänner, in welchen das geförderte Erz aus dem Stollen gebracht wurde. Ab dem 12. Jahrhundert befasste sich der „Säckler“ mit der Erzeugung von „ledernem Beinkleid“. Dieses wurde im Laufe der Jahrhunderte immer kunstvoller.

Das Rohmaterial, das Hirschleder, stammt aus heimischer Gerberei. Die Hirschhäute werden unter der Verwendung von Dorschtran „sämisch“ gegerbt. Es handelt sich um eine der ältesten Gerbtechniken, die ein sehr weiches Leder hervorbringt. Es zeichnet sich durch große Weichheit, Waschbarkeit, Schweiß- und Alkalibeständigkeit sowie eine antiallergene Wirkung aus. Als Farbstoff werden ausschließlich Naturstoffe wie Blau- und Gelbholzextrakte oder sogenannte Erdfarbstoffe verwendet. Die Farben reichen von schwarz über grau zu braun bis zur beigen Eigenfarbe des Leders.

Die aufwendige Gerbung hat ihren Preis. Für einen Quadratmeter Hirschleder zahlt Zandt dem Gerber 100 bis 110 Euro. Je nachdem, wie prächtig die Hose bestickt ist, stecken bis zu 160 Arbeitsstunden in dem Beinkleid.

Häute aus Neuseeland

Es sind aber nicht Jäger aus den Bergwäldern rund um den Zeller See, welche die Häute der Hirsche liefern. Nein, die Häute stammen aus Neuseeland und werden ungegerbt im Kühlschiff nach Europa transportiert, wo sie dann haltbar gemacht werden. Die Zucht von Rotwild ist in Neuseeland ein florierender Wirtschaftszweig. Die Tiere werden industriell geschlachtet und mit dem Bolzenschussapparat getötet. „Das hat den Vorteil, dass die Häute keine Einschusslöcher aufweisen“, erklärt Zant.

Eine alte Lederhose mit solch einem Einschussloch bewahrt Zant in einem alten Bauernschrank auf. Dieser ist ein wahres Schatzkästlein, das durch die Geschichte der Lederbekleidung führt. Es enthält eine Schornsteinfegermontur und Hosen mit verschiedenen Formen des Latzes. Zants Lederhosen haben keinen Reißverschluss, sondern eine Knopfleiste mit glatten Knöpfen.

Die Preise für die guten Stücke beginnen bei 1000 Euro für eine kurze Hose. Sie können aber auch bis zu 5000 Euro erreichen. Zant zeigt solch ein Stück, das mit aufwendiger Stickerei verziert ist. Das Stück wird ein Jager tragen, wie die Österreicher den Jäger nennen.

Selbstverständlich könnte Zant auch Lederhosen für Biker kreieren mit Fantasie-Stickereien wie die Tattoos vieler Hells Angels. Aber das lehnt er ab und setzt lieber auf Traditionspflege. Auch Zant selbst trägt seit 14 Jahren eine von ihm gefertigte Lederhose im Jeans-Schnitt mit „straight leg“, also geradem Bein. Die Hose bekleidet den Meister fast jeden Tag, „außer beim Skifahren“.

Eine Kunde kommt herein und bringt ihm eine Lederhose zur Reparatur. Möglichst gestern, versteht sich, denn er weilt im Urlaub in Zell und möchte die Hose wieder nach Wien mitnehmen. Als der Kunde gegangen ist, streicht Zant über das Leder und seufzt: „Mei hat der die Hosen z’ samgrissen. Dabei ist sie erst zehn Jahre alt.“

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