Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Laufsport - Alles rund um den Mainova Frankfurt Marathon ... Frankfurt am Main 11°C

Interview mit IT-Unternehmerin: Die fremde Herrschaft der Algorithmen

Gerade am Anfang des Jahres stellen sich viele die Frage, was die Zukunft wohl bringen wird. Die Digitalisierung verändert derzeit unsere Gesellschaft und all ihre Lebensbereiche rasant. In einer kleinen Serie wollen wir in loser Folge Menschen befragen, die sich etwa mit den Auswirkungen dieser Entwicklungen auf die Politik, die Psyche und die Mobilität beschäftigen. In der ersten Folge sprach Redakteurin Pia Rolfs mit der Buchautorin und IT-Unternehmerin Yvonne Hofstetter, die laut ihrem neuen Buchtitel „Das Ende der Demokratie“ kommen sieht.
Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Daten – aber genau an diesen sind die sozialen Netzwerke interessiert.	Bild: Fotolia Bilder > Foto: (77915401) Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Daten – aber genau an diesen sind die sozialen Netzwerke interessiert. Bild: Fotolia

In Ihren Büchern beschäftigen Sie sich mit der drohenden Gefahr, dass die Maschinen über den Menschen herrschen. Wie real ist diese?

YVONNE HOFSTETTER: Die künstliche Intelligenz wird sich weiter ausbreiten und zur Universaltechnologie im 21. Jahrhundert werden – so wie Strom oder Funk. Die Frage ist, ob sie dann so viel Macht erlangt, dass Maschinen unser Leben organisieren. Ob wir Menschen eigentlich noch frei entscheiden können.

Sind sich die Menschen heute dieser Gefahr bewusst?

HOFSTETTER: Ganz langsam wird es ihnen klar. Zur künstlichen Intelligenz trifft man nur zwei Haltungen. Die eine bejubelt die Technologie, auch weil sie zu Wirtschaftswachstum führt. Die andere Meinung lehnt die künstliche Intelligenz ab, weil sie uns Menschen auf Platz zwei der Schöpfung verweisen könnte. Ich gehöre zur ganz kleinen Mitte. Ich sehe Vorteile, aber auch viele Risiken und Gefährdungen für die Gesellschaft.

Inwiefern gefährdet die Digitalisierung denn die Demokratie?

HOFSTETTER: Wir gehen alle vier Jahre wählen und geben dabei unsere Macht als Souverän an Berufspolitiker ab – auch die, die Gesellschaft zu gestalten. Aber in den letzten Jahren gestalten Internetkonzerne aus dem Silicon Valley die Gesellschaft. Wir werden seitdem permanent überwacht, es wird in unsere Freiheitsrechte eingegriffen, die Konsumenten werden global gesteuert. Wir haben aber niemals darüber demokratisch abgestimmt.

Wie wird denn über das Smartphone in unsere Freiheit eingegriffen?

HOFSTETTER: Das Smartphone ist ein Messgerät, mit dem man auch telefonieren kann. Es greift die Daten unseres Lebens ab und weist uns dann darauf hin, wie wir gesünder, preiswerter, moralischer leben können. Und es beeinflusst unsere Sicht auf die Welt. Soziale Netzwerke berechnen individuelle Nachrichtenfeeds, die nur uns selbst interessieren. Ihre Algorithmen blenden andere Stimmen, besonders wenig relevante Stimmen von Minderheiten, aus. Deshalb sind die Nachrichtenfeeds sozialer Netzwerke kein demokratisches Medium.

Ist es aber denn eine realistische Möglichkeit, heute auf das Smartphone zu verzichten?

HOFSTETTER: Ich verzichte bewusst auf ein Smartphone. Ich nutze auch kein Facebook oder Twitter. Denn ein Leben ohne Werbeplattformen – nichts anderes sind Facebook, Google & Co. – ist absolut möglich. Aber das kann man nicht von allen Menschen verlangen. Denn sie schließen sich dadurch von vielem aus. Und die Teilhabe am Leben wird für sie immer eingeschränkter, weil die Wirtschaft forciert, dass wir ständig online sind. Es ist etwa heute mühsam, wenn man bei einer Flugreise nicht online eincheckt.

Bleiben die eigenen Daten denn wirklich geheim, wenn man sich nicht auf den Plattformen anmeldet?

HOFSTETTER: Nein, denn die Tendenz geht dahin, dass unsere Daten auch erhoben werden, wenn wir sie nicht freiwillig geben. Diese Vorgehensweise der nicht kooperativen Datenerhebung ist typisch für das Militär, und daher stammen diese Technologien. Deswegen wird es langsam eng für diejenigen, die sich verweigern. Wenn sich etwa ein Freund auf Facebook anmeldet, der meine Telefonnummer auf dem Handy gespeichert hat, kennt Facebook diese Nummer auch.

Im Zusammenhang mit der Trump-Wahl wurde viel über die Filterblasen gesprochen, die dem Nutzer keine Meinungen außerhalb der eigenen Wohlfühlzone präsentieren. Was bedeutet das für die Gesellschaft?

HOFSTETTER: Dass jeder nur auf sich selbst bezogen ist. Jeder hat ein anderes Weltbild, und deswegen trennen die sozialen Medien die Gesellschaft. Es gibt kein gemeinsames Verständnis mehr von dem, was draußen vor sich geht. Das macht politische Debatten unmöglich. Die Gesellschaft wird dadurch anfällig für totalitäre Tendenzen.

Welche Gegenmaßnahmen wären denkbar?

HOFSTETTER: Soziale Medien sind Plattformen. Plattformen sind das erfolgreichste digitale Geschäftsmodell. Was ist eine Plattform? Das größte Taxiunternehmen weltweit, Uber, hat keine Taxis. Die größte Zimmervermietung der Welt, Airbnb, hat keine Hotelzimmer. Und das größte Medienunternehmen der Welt, Facebook, hat keine eigenen Inhalte. Wenn diese Plattformen wie ein Taxiunternehmen, Hotelunternehmen oder Massenmedium behandelt werden würden, müssten sie auch den selben Regulierungen unterliegen wie diese. Dann wäre etwa Facebook verantwortlich für die Inhalte, die es anzeigt. Das wäre eine Möglichkeit. Die andere wäre, die Menschen darüber aufzuklären, dass sie sich auf Werbeplattformen nicht politisch informieren können. Es gibt stattdessen private Initiativen wie piqd.de, die Nachrichten auswählen und auf ihre Richtigkeit prüfen.

Interessieren sich aber alle Menschen überhaupt noch dafür, was wirklich stimmt?

HOFSTETTER: Das Problem ist, dass die Bundesbürger in den letzten Jahren weitgehend entpolitisiert wurden. Mit Einschlafpolitik verliert man das Interesse an wichtigen Entscheidungen. Über diese Bequemlichkeit und Lethargie müssen wir unbedingt hinweg, wenn wir die Demokratie aufrechterhalten wollen. Ich finde es eigenartig, dass die Menschen gegen TTIP auf die Straße gegangen sind und sich gegen die Herrschaft der US-Konzerne gewehrt haben. Aber bei der Digitalisierung akzeptieren alle diese Herrschaft, ohne mit der Wimper zu zucken.

Glauben Sie, dass es irgendwann eine Gegenbewegung gibt?

HOFSTETTER: Das ist schon möglich. Aber die Frage ist, welche Kollateralschäden die Demokratie bis dahin erleiden wird. Das letzte Mal lebte die Welt vor 100 Jahren in Meinungsblasen. Damals gab es die Gesinnungspresse – etwa die Rote Fahne vom Spartakus-Bund oder den antisemitischen Völkischen Beobachter. Danach kam es zu zwei Weltkriegen, erst hinterher wurden die deutschen Medien von den Alliierten demokratisiert. Ob die Folgen wieder ähnlich katastrophal sein werden, ist schwer zu sagen, denn es handelt sich ja um ein komplexes System.

Sie sind sehr pessimistisch. Was kann denn der Einzelne tun, um dieser Gefahr zu begegnen?

HOFSTETTER: Wer sich politisch informieren will, sollte klassische Kommunikationskanäle nutzen und nicht Werbeplattformen der Technologiekonzerne wie Facebook, Twitter oder Google. Auf diesen Plattformen kann er keine Wahrheit erwarten. Es geht nur darum, etwas zu verkaufen. Im Netz herrscht Turbokapitalismus. Und natürlich kann man auf einige Wahrheiten auch kommen, wenn man den Kopf einschaltet und nachdenkt.

Zur Startseite Mehr aus Panorama

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse