Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Titelbild Mainova Marathon Laufsport - alles rund um den Mainova IRONMAN Frankfurt 2017 Frankfurt am Main 25°C

ESC 2017: Ein leises Lied aus Portugal

Erneute Pleite für Deutschland: Levina landet auf dem vorletzten Platz. Deutschland ist damit wieder einer der großen Verlierer beim ESC. Levina lächelt die Beinaheniederlage tapfer weg. Woran hat es dieses Mal gelegen?
Seinen Sieg beim ESC feierte Salvador Sobral gemeinsam mit seiner Schwester Luisa auf der Bühne in Kiew. Sie schrieb den Gewinnersong für ihren Bruder. Foto: DOLZHENKO/EPA/REX/Shutterstock (Rex Features) Seinen Sieg beim ESC feierte Salvador Sobral gemeinsam mit seiner Schwester Luisa auf der Bühne in Kiew. Sie schrieb den Gewinnersong für ihren Bruder.
Kiew. 

Salvador Sobral zeigt nicht die großen Emotionen. Eher ungläubig blickt der Portugiese in die Kamera. Dass er gerade einen der wichtigsten Musik-Wettbewerbe Europas gewonnen hat, ist ihm nicht wirklich anzusehen. Ruhig und gelassen geht der introvertierte Sieger des Eurovision Song Contest (ESC) in Kiew auf die Bühne. „Musik ist kein Feuerwerk. Musik ist Gefühl“, sagt der 27-Jährige, als er die Trophäe, ein gläsernes Mikrofon, überreicht bekommt. Musik sei keine austauschbare Ware. Wie so vieles, das an diesem Abend gezeigt wurde.

Mit großem Abstand lässt Sobral mit dem melancholischen, in seiner Muttersprache gesungenen jazzigen Liebeslied „Amar Pelos Dois“ die kunterbunte ESC-Konkurrenz hinter sich. 758 Punkte gelingt es ihm zu holen. Es ist der erste Sieg in der 53-jährigen ESC-Historie des Landes. Noch nie hat es Portugal unter die Top Five geschafft.

Auch Deutschland setzt auf einen kühlen, reduzierten Auftritt. Levina („Perfect Life“) verzichtet auf das große Tamtam. Dennoch geht sie unter. Der britische „Guardian“ nennt das Lied „süß, aber leicht zu vergessen.“ Die Wahlberlinerin landet auf dem vorletzten Platz unter den 26 Kandidaten. Der Auftritt war fehlerfrei, jeder Schritt schien zu sitzen, jeder Ton auch. Ein Moderator nannte die 26-Jährige die „perfekte Deutsche“. ARD-Kommentator Peter Urban betonte immer wieder: „Wir haben nichts falsch gemacht.“

Nur sechs Punkte

Anders als Ann Sophie 2015 in Wien und Jamie-Lee 2016 in Stockholm bleibt immerhin der allerletzte Platz erspart, Levina schrammt mit sechs Punkten nur knapp daran vorbei. Drei Jurypunkte gibt es aus Irland, von den Zuschauern noch einmal so viele. Nur eine fade Surfer-Nummer aus Spanien schneidet noch schlechter ab. Manch einer will am Ende scherzhaft ein Ringen um den letzten Platz heraufbeschwören. TV-Komiker Oliver Kalkofe twittert in der Nacht zum Sonntag: „Mist! Um 1 Punkt gegen Spanien das Ziel verfehlt!“

Für Levina ist der Platz nur ein kleiner Trost, ihr kommen während der Abstimmung die Tränen. Erst nach dem Irland-Voting hat sie das Null-Punkte-Tal verlassen; der Druck fällt. Dann lächelt sie wieder. „Wir sind nicht Letzter geworden, sondern Vorletzter“, betont sie. Dem NDR gegenüber gesteht Levina am Tag nach der großen Niederlage jedoch ein: „Natürlich bin ich total traurig – mit diesem Ergebnis habe ich nicht gerechnet. Aber der ESC war eine wunderbare Erfahrung, die Vorbereitung und die Zeit hier in Kiew hat super Spaß gemacht.“ Der ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber vom NDR sagte, das Ergebnis sei „für Levina und unser Team eine herbe Enttäuschung.“ Der Song „Perfect Life“ habe beim Deutschen Vorentscheid zwei Drittel der Fernsehzuschauer überzeugt, in Europa habe das Lied die Herzen der Menschen jedoch nicht erreicht. „Das hatten wir nicht erwartet. Wir stellen uns dem Ergebnis und werden es analysieren.“

Woran es wohl gelegen haben mag? „Ich weiß es leider nicht“, sagt Levina selbst. Sie war mit ihrem Auftritt sehr zufrieden. Nun dürfte die altbekannte Diskussion wieder aufflammen: Was macht Deutschland bloß falsch? Warum mag keiner da draußen unsere Musik? Moderatorin Barbara Schöneberger bringt es trotzig auf den Punkt: „Ich weiß auch nicht, was wir noch machen sollen. Costa Cordalis schicken?“

In Kiew selbst läuft fast alles nach ESC-Routine, wenige Sekunden zieht ein Flitzer blank. Er stürmt während einer Pauseneinlage die Bühne. Der große ESC-Skandal ist bereits Wochen vor der Glitzerveranstaltung ausgetragen worden – Russland ist nach einem diplomatischen Streit ausgestiegen.

Dass dann Moskau aber mit einer Art Trojanischem Pferd trotzdem irgendwie teilnimmt, nehmen die Zuschauer nur am Rande wahr. Der Bulgare Kristian Kostov ist eigentlich Moskauer. Ob jugendliche Albernheit oder aus Solidarität zu der gesperrten russischen Künstlerin Julia Samoilowa: Der 17-Jährige kündigt einem russischem Fernsehteam an: „Im Falle eines Sieges zertrümmere ich euch die gläserne Siegestrophäe!“. Erst Stunden später zieht er es als „Witz“ zurück. Ob das Bulgarien – mit Italien und Portugal einer der Favoriten – am Ende die entscheidenden Stimmen gekostet hat?

Alles in allem fällt auf: Die Kandidaten sind sehr jung. Die Sänger aus Australien, Belgien und Bulgarien sind gerade mal 17 Jahre alt, Kostov gar der erste Teilnehmer überhaupt, der im 21. Jahrhundert geboren wurde. Zudem nutzten die Länder vermehrt ihre Muttersprache in ihren Liedern: Weißrussland zeigt heimischen Folk-Rock, Ungarn lässt einen Roma rappen, Francesco Gabbani bringt Italo-Charme auf die Bühne.

Brautähnliche Kleidchen

Das Extravagante fehlt in Kiew im Finale vollkommen. Den einzigen Stirnrunzel-Faktor, Slavko Kalezic aus Mazedonien, kickten die Zuschauer bereits im ersten Halbfinale raus. Er konnte trotz meterlanger Zopfpeitsche nicht überzeugen. Übrig blieben: Drama in weißen, brautähnlichen Kleidchen, lange Frauenbeine und strenge Choreographien aus dem Mittelmeerraum.

In dieser glatten Bonbonwelt sticht der Portugiese Sobral eindeutig hervor. Er lebt seine Lieder selbst bis in die Fingerspitzen. „Ich habe nie ein Lied geschrieben, um im Radio gespielt zu werden“, sagt Sobral nach seinem Sieg. Er selbst sieht den Rummel gelassen: „Nächsten Monat erinnert sich keiner mehr daran.“

Zur Startseite Mehr aus Panorama

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse