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Nannys: Elite-College bildet Kindermädchen für die Superreichen aus

Selbstverteidigung und Schutz vor Cyberkriminalität – die Top-Nannys aus England müssen viel drauf haben. Äußerlich erinnern sie aber an die Walt-Disney-Figur Mary Poppins mit magischen Fähigkeiten.
Maria Teresa Turrion Borrallo, Kindermädchen von Prinz George. Bilder > Foto: Lukas Coch (AAP) Maria Teresa Turrion Borrallo, Kindermädchen von Prinz George.
Bath. 

Wadenlanges Kleid mit weißem Kragen, brauner Hut, Handschuhe – in ihrer offiziellen Uniform sehen die angehenden Kindermädchen aus, als kämen sie aus einer anderen Zeit. Das Norland College im britischen Bath setzt seit 125 Jahren voll auf Tradition. Es hat den Ruf, weltweit die Kaderschmiede für Super-Nannys zu sein.

Selbst Rockstars wie Mick Jagger und die Royals suchten hier schon die Nannys für ihre Kinder aus, die an eine modernere Version von Mary Poppins erinnern. Auch der kleine George, der Sohn von Prinz William und Kate, hat eines der begehrten Kindermädchen: Die hagere, stets ungeschminkte Maria Teresa Turrion Borrallo stammt aus gutbürgerlichen Verhältnissen im spanischen Palencia.

Stets lächelnd

Erste Jahrgangsstufe: Kerzengerade sitzen junge Frauen in Gruppen in einem Raum und diskutieren stets lächelnd darüber, welche Erwartungen wohl ihre künftigen Arbeitgeber an sie stellen könnten. Streng weist die Lehrerin eine Schülerin darauf hin, dass der Blusenkragen nicht richtig sitzt. Lange Ohrringe, Make-up, Piercings? Fehlanzeige. Hier herrschen strenge Regeln. Trägt die angehende Nanny etwa zu offiziellen Anlässen ihre Uniform, darf sie nicht mal Kaugummi kauen.

Wieso machen die jungen Frauen das mit? „Ich will in verschiedenen Ländern arbeiten“, platzt es aus der 20-jährigen Libby heraus. Mit der besonders praxisorientierten Ausbildung in Norland sei sie auf der ganzen Welt gefragt. Dem 19-jährigen Charles geht es ähnlich: „Ich möchte erst in London arbeiten und dann durch die Welt reisen.“ Er ist einer von sieben jungen Männern, die sich zurzeit ausbilden lassen und von vielen „Mannys“ genannt werden. Necken ihn die Freunde nicht? „Die sind stolz auf mich und beeindruckt, dass ich das mache.“

Kurort für Wohlhabende

Die Geschichte der Einrichtung begann in London: Lehrerin Emily Ward fing 1892 am Norland Place in der Hauptstadt an, junge Frauen in Kinderbetreuung auszubilden. Später entwickelte sich daraus das Norland College im westenglischen Bath, lange ein Kurort für die Wohlhabenden und noch heute berühmt für seine römischen Bäder.

Aber Staubwischen oder die Wäsche für den Arbeitgeber waschen – so etwas kommt für Absolventen des Colleges überhaupt nicht infrage. Schon Ward riet jedem Mädchen: „Lege deine silberne Bürste auf die Kommode deiner Gastfamilie, damit du nicht mit dem normalen Hauspersonal verwechselt wirst.“

Das Selbstverständnis und die Kleidung haben sich kaum verändert, die Ausbildung allerdings schon. Trösten, spielen, Windeln wechseln – das muss jeder in Nordland an Kindern üben. Die in Bath ausgebildeten Nannys gehen aber mit der Zeit und ihrem Klientel: Sicherheits-Fahrtraining mit dem Auto und die Verhinderung von Cyberkriminalität gehören ebenso zum Stundenplan wie Selbstverteidigung im Entführungsfall. „Wir sagen aus Spaß: Mary Poppins trifft James Bond“, sagt College-Leiterin Janet Rose.

Garnelen-Curry

Emily lernt gerade im Kochkurs, wie Garnelen-Curry aus Thailand und glutenfreie Kost zubereitet wird. Sie wirkt reifer als die anderen. „Ich habe auf einer Schafsfarm in Neuseeland lange zwei Kinder betreut und in den USA in Sommercamps gearbeitet“, erzählt die 23-jährige Engländerin, die ihre blaue Arbeitskleidung trägt.

Was will sie hier noch lernen? „Der Abschluss ist mir wichtig. Ich will einen Kindergarten gründen.“ Alice (22) hat ganz andere Pläne: „Zu Geschäftsleuten in die Schweiz gehen, das wäre schön.“ Das ist keine Träumerei. „Auf einen Absolventen kommen sechs Jobangebote“, berichtet Schulleiterin Rose. USA, China, Karibik oder Dubai – den Nannys steht die Welt offen.

Und bei wem? „Wir würden niemals über unsere Klientel reden.“ Aber das Spektrum reiche von Ärzten und Schauspielern bis hin zu Unternehmern. Das Gehalt könne sich bei einigen Absolventen sogar auf mehr als 90 000 Pfund (rund 103 000 Euro) steigern. „Manchmal bekommen sie noch Extraleistungen, zum Beispiel die Nutzung einer eigenen Wohnung und eine Jahreskarte fürs Fitnessstudio.“

Zunächst müssen aber die Mädchen und Jungen, die zu über 90 Prozent aus Großbritannien kommen, kräftig investieren. Umgerechnet etwa 50 000 Euro müssen sie insgesamt berappen. Drei Jahre dauert die Ausbildung, gefolgt von einem Probejahr in einer britischen Familie.

Auch in Deutschland sind Kindermädchen gefragt. „Vor allem wohlhabendere Familien in Großstädtchen suchen Nannys für 20 bis 40 Stunden pro Woche“, sagt Oliver Ehrcke, Geschäftsführer der Vermittlungsagentur Mary Poppins (Hamburg).

Wenn das Heimweh plagt

Eine spezielle Schule für die Kindermädchen gibt es ihm zufolge aber nicht. „Unsere Nannys müssen entweder eine Erzieherausbildung oder hauptberuflich jahrelange Erfahrungen in dem Bereich haben“, sagt Ehrcke. Doch nicht immer läuft bei den Nannys und Mannys aus Norland alles glatt. Manche plagt das Heimweh, andere haben Probleme mit ihren Arbeitgebern. Überstunden sind völlig normal. Und wer sich als Kindermädchen irgendwann daneben benimmt, muss seine Uniform abgeben und wird aus dem Norland-Register für immer gestrichen. „Aber wenn du Teil von Norland bist, dann bist du das das ganze Leben“, sagt eine Mitarbeiterin der Schule. Von überall her kommen sie zu den regelmäßigen Treffen der Absolventinnen. Auch die hagere Borrallo, die Nanny vom kleinen Prinz George, soll dann dabei sein.

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