Experte: Uhrumstellung "Diktat von Frühtypen über Spättypen"

Am 25. März werden die Uhren von der Winterzeit auf die Sommerzeit um eine Stunde vorgestellt. Für Professor Ernst Peter Fischer ist das ein Skandal: "Die Uhrenumstellung ist ein Diktat von Frühtypen über Spättypen und das führt zu einem sozialen Jetlag mit schweren gesundheitlichen und sozialen Folgen", sagt der Physiker und Wissenschaftshistoriker in einem Interview über Zeit.
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Konstanz. 

Professor Ernst Peter Fischer hat sich in vielen seiner Arbeiten mit dem Thema Zeit auseinandergesetzt. Für ihn steht fest: "Zeit ist wahrscheinlich das einzige, was wir haben. Deshalb sollten wir sorgfältig damit umgehen - es geht um unsere Lebenszeit."

Wenn an diesem Wochenende die Uhren zurückgedreht werden, bringt das viele Menschen aus dem Rhythmus. Was halten Sie von der Zeitumstellung?

Fischer: "Das ist eine Unverschämtheit in vielerlei Hinsicht. Aber: Es wird nicht die Zeit umgestellt, sondern es werden Uhren umgestellt. Das bedeutet, dass die inneren Uhren, die Sie haben - in ihren Zellen, in ihrem Gehirn - nicht mit den äußeren Uhren wie Arbeits- und Tagesanfängen übereinstimmen."

Was heißt das genau?

Fischer: "Nun, es gibt viele Leute, die sind Frühaufsteher. Und es gibt viele Leute, die sind Spätaufsteher. Die Spätaufsteher nennen wir dummerweise Langschläfer und bewerten sie negativ. Tatsächlich aber müsste man neutral unterscheiden zwischen Frühtypen und Spättypen. In unserer Gesellschaft haben sich die Frühtypen, die als erste am Arbeitsplatz sind und immer so fröhlich pfeifen, in der Selektion durchgesetzt. Sie bestimmen Management und Politik. Und genau die diktieren uns jetzt die neue Uhrzeit. Das heißt, die Uhrenumstellung ist ein Diktat von Frühtypen über Spättypen und führt zu einem sozialen Jetlag mit schweren sozialen Folgen."

Die Menschen unterwerfen sich dem Diktat der Zeit, zerteilen das Leben oft gehetzt in Tage, Stunden und Minuten. Was ist Zeit eigentlich?

Fischer: "Die Frage nach dem Wesen von Zeit beschäftigt die Menschen schon seit Jahrtausenden. Bis heute hat die Zeit nichts von ihrem Rätsel verloren. Zeit ist auf jeden Fall eine Dimension der Physik und eine Qualität, die Menschen erleben können - unter anderem als Wartezeit, Spielzeit, Schulzeit, Arbeitszeit. Augustinus sagte im vierten Jahrhundert auf die Frage, was Zeit ist: "Wenn mich niemand fragt, dann weiß ich es; sobald ich aber gefragt werde, kann ich es nicht erklären." Die Philosophen haben sich große Mühe gegeben, die Zeit zu erkunden, aber sie haben es nicht geschafft. Nicht einmal Martin Heidegger in seinem Werk "Sein und Zeit" von 1927. Und die Physiker sind bis heute uneinig. Albert Einstein hat mal kurz und bündig verkündet: "Zeit ist das, was eine Uhr anzeigt." Klingt erstmal sehr einfach. Aber überlegen Sie sich mal, was eigentlich eine Uhr ist. Wir leben alle in der Zeit, wir erleben die Zeit, aber wir wissen nicht, was das ist."

Welche Modelle von Zeit gibt es denn?

Fischer: "Ursprünglich haben die Menschen zyklisch gedacht. Das entspricht ja auch unserem Erleben. Der Tag hat einen Rhythmus von Tag und Nacht, das Jahr hat den Rhythmus der Jahreszeiten. Wir haben das Gefühl, dass Zeit immer irgendwo einen Anfang hat und dann einen Neuanfang bildet. Die Idee, dass die Zeit linear nur eine Richtung hat, und zwar nach vorne, ist eine christliche Idee, weil gewissermaßen vom Schöpfungsmoment bis zum Jüngsten Gericht eine Entwicklung gezeigt werden soll."

Ist Zeit also etwas Menschengemachtes?

Fischer: "Der bedeutende britische Naturforscher Isaac Newton hat im 17. Jahrhundert noch gesagt, Zeit sei eine Schöpfung oder Ausströmung Gottes. Philosophen haben die These aufgestellt, nicht wir sind in der Zeit, sondern die Zeit ist in uns - in dem Sinne, dass Zeit eine Kategorie ist, mit der wir überhaupt die Welt verstehen. Sie können sozusagen die Welt ohne den Begriff der Zeit nicht denken, also muss der Begriff der Zeit der Welt der Erfahrung vorausgehen. Und Poeten wiederum meinten, Zeit sei nötig, damit nicht alles gleichzeitig stattfindet, zum Beispiel auch die Sprache. Wenn wir keine Zeit hätten, könnten wir ja nicht sprechen, weil wir ja Zeit brauchen, um zu sprechen."

(dpa)
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