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Schädliche Limonade: Foodwatch fordert, die an Kinder gerichtete Werbung im Internet zu stoppen

Von Im Internet stoßen Kinder immer öfter auf Werbung für ungesunde Lebensmittel, hat eine gestern vorgestellte AOK-Studie ergeben. Welcher Tricks sich die Lebensmittelindustrie dabei bedient, erläutert Oliver Huizinga, Experte für Übergewichtsprävention bei der Verbraucherorganisation Foodwatch, im Gespräch mit Redakteurin Pia Rolfs.
Oliver Huizinga Oliver Huizinga

In welchen Bereichen hat das sogenannten Kindermarketing im Internet besonders zugenommen?

HUIZINGA: Hauptsächlich ungesunde Lebensmittel – von gesüßten Frühstücksflocken über Schokoladen, Limonaden – werden ganz gezielt so beworben, dass es Kinder anspricht. Das beeinflusst nachweislich deren Ernährungsverhalten, und dieses bedeutet für sie langfristig ein gesundheitliches Risiko. Wir sehen ja schon eine Übergewichts- und Diabetes-Epidemie.

Es gibt Werbung für solche Produkte ja auch im Fernsehen. Was ist das Besondere im Internet?

HUIZINGA: Dort werden Kinder selbst zu Botschaftern. Sie sollen etwa über soziale Medien die Werbebotschaften weiterverbreiten. Und die Lebensmittelindustrie versucht ganz gezielt, Figuren und Personen zu gewinnen, die bei Kindern hohes Ansehen haben – sogenannte Influencer.

Wer ist das zum Beispiel?

HUIZINGA: Coca Cola etwa hat sehr viele bekannte YouTuber unter Vertrag. Die sind bei Erwachsenen kaum bekannt, von Kindern und Jugendlichen werden sie oft geradezu vergöttert.

Wie funktioniert das genau?

HUIZINGA: Die jungen YouTube-Stars machen auf dem Kanal „Coke TV“ genau so Unterhaltung wie auf ihren anderen Kanälen auch – etwa Schneeballschlachten oder Wettbewerbe. Zwischendurch trinken die Teilnehmer eine Cola. Oder das Logo taucht immer wieder auf. Das ist teilweise sehr subtil und für Kinder nicht leicht als Werbung zu erkennen.

Die Studie kritisiert auch Online-Spiele, die sich an Kinder richten und Produkte bewerben. Wie laufen die ab?

HUIZINGA: Oft haben die Unternehmen zwei Webseiten – eine für Erwachsene und eine für Kinder. Die Kleinen können etwa auf den Seiten von Capri Sonne oder Team Actimel Spiele spielen. Das soll Kinder in ihrer Erfahrungswelt abholen, dreht sich aber nur um die Produkte. Natürlich wäre das halb so schlimm, wenn gesunde Produkte beworben würden. Das ist allerdings nur selten der Fall.

Was ist von all den genannten Lebensmitteln am gefährlichsten?

HUIZINGA: Das drängendste Problem sind die zuckergesüßten Getränke. Hier besteht der größte Handlungsbedarf. Jugendliche nehmen davon einen halben Liter pro Tag zu sich, das ist weit über der empfohlenen Menge von einem Glas pro Woche. Zucker in flüssiger Form bedeutet zusätzliche Kalorien, die nicht satt machen. Wer regelmäßig zuckerhaltige Getränke konsumiert, hat ein höheres Risiko für Übergewicht und Typ-2-Diabetes. Hier müsste als erstes die Werbung, die sich an Kinder richtet, gestoppt werden.

Kinder, die viel Zeit im Internet verbringen, bewegen sich oft zu wenig. Ist da die Werbung für dickmachende Lebensmittel doppelt gefährlich?

HUIZINGA: Bewegung ist gesund. Aber der Einfluss der mangelnden Bewegung auf die Gewichtszunahme wird überschätzt. Ernährung ist erheblich wichtiger. Dass aber hauptsächlich über Bewegung gesprochen wird, ist eine gezielte Abwehrstrategie der Lebensmittelwirtschaft. So wird die Verantwortung für ungesunde Lebensweise auf die Einzelnen abgeschoben.

Die EU hat an die Lebensmittelindustrie appelliert, auf Kindermarketing zu verzichten. Ist das denn realistisch, wenn diese ihre Zielgruppe im Internet so leicht erreichen kann?

HUIZINGA: Die Studie bestätigt, dass die seit zehn Jahren bestehende freiwillige Selbstverpflichtung gescheitert ist. Wir brauchen endlich eine gesetzliche Beschränkung der Kinderwerbung für ungesunde Produkte durch die Politik – egal ob im Netz oder im Fernsehen. Andere Länder, etwa Großbritannien, Kanada oder Skandinavien, sind da schon viel weiter.

Was können die Eltern tun, damit Ihr Kind weniger empfänglich für Werbung wird?

HUIZINGA: Die Eltern sind die Leidtragenden dieser zahnlosen und lobbyhörigen Politik. Ihre Bemühungen um eine gesunde Ernährung der Kinder wird torpediert. Deswegen sollten sie sich an die unverantwortliche Politik wenden, die zulässt, dass selbst zuckerhaltige Getränke mit Comicfiguren oder Spielen beworben werden.

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