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Interview: Forensische Psychiaterin Nahlah Saimeh: „Es gibt nicht mehr Gewalt“

Die Grenzen zwischen Amokläufen und Terroranschlägen scheinen zu verwischen, viele Menschen haben Angst. Doch die größte Gefahr, Opfer von Gewalt zu werden, lauert im Nahbereich. Das erklärt die forensische Psychiaterin Nahlah Saimeh, die auf der Buchmesse ihr Buch „Ich bring dich um!“ vorstellte. Im Gespräch mit Redakteurin Pia Rolfs erklärt sie, wie sich gesellschaftliche Veränderungen auch in der Gewaltkriminalität zeigen.
Nahlah Saimeh hält nichts von der pauschalen Forderung „Wegsperren für immer“. Foto: Holger Menzel Nahlah Saimeh hält nichts von der pauschalen Forderung „Wegsperren für immer“.

Viele Menschen haben den Eindruck, dass Gewalttaten zunehmen. Stimmt das?

NAHLAH SAIMEH: Nein, insgesamt ist seit Jahren die Zahl auf einem relativ stabilen, niedrigen Niveau. Tötungsdelikte machen 0,1 Prozent aller angezeigten Straftaten aus, Sexualdelikte 0,8 Prozent. Bei den Sexualdelikten ist die Dunkelziffer natürlich höher. Der Eindruck, dass es mehr Gewalttaten gibt, entsteht dadurch, dass wir mehr davon erfahren.

Es wird also nur mehr berichtet?

SAIMEH: Ja. Es gibt viel mehr Berichterstattung über Sexualdelikte, obwohl diese an sich weniger geworden sind. Aber das Schädigungspotenzial für die Opfer wird heute ernster genommen.

In welchen Bereichen steigt denn die Kriminalität tatsächlich an?

SAIMEH: Ganz stark angestiegen sind Einbruchsdelikte.

Welche Bevölkerungsgruppen sind besonders häufig gewalttätig?

SAIMEH: Eindeutig junge Männer. Wenn dann noch Alkohol- und Drogenkonsum dazukommen, steigt das Risiko weiter.

Wer die Nachrichten verfolgt, gewinnt aber manchmal auch den Eindruck, dass mehr Menschen im Rentenalter gewalttätig werden...

SAIMEH: Das ist noch nicht gut untersucht, wird uns aber vielleicht in den nächsten Jahren beschäftigen. Die Gesellschaft wird immer älter. In der forensischen Psychiatrie haben wir, wenn auch in noch sehr kleiner Zahl, mit alten Menschen zu tun, die im Rahmen einer wahnhaften Störung oder Demenz Straftaten begehen – bis hin zu Tötungsdelikten. Das sind Menschen, die nie kriminell gewesen sind, sondern bei denen die Wesensveränderung mit ihrer Krankheit zu tun hat.

Wie sehen Sie die Diskussion um die Gefahr durch kriminelle Flüchtlinge?

SAIMEH: Da muss man sehr differenzieren! Wenn sich viele alleinstehende, sehr junge Männer auf den Weg machen, dann haben diese ein deutlich höheres Kriminalitätsrisiko als Menschen in der Lebensmitte. Das gilt unabhängig von der Nationalität oder Ethnie. Ein großer Teil der Täter sind aber solche, die schon in ihren Heimatländern kriminell waren. Dann gibt es einen Teil, die durch die Entwurzelung zu Alkohol und Drogen greifen, was sie enthemmt und wo die Entwurzelung, die kulturelle Obdachlosigkeit noch zusätzlich für erhebliche Frustration sorgt und dies Gewaltbereitschaft befördert. Es mag sicher auch einen Teil geben, der aus einem kulturellen Hintergrund heraus Schwierigkeiten hat, sich in unserer Gesellschaft zurechtzufinden. In der Kölner Silvesternacht spielte auch Bandenkriminalität eine Rolle, die gar nichts mit der Flüchtlingssituation zu tun hatte. Da war die Belästigung eine Ablenkung für den Handtaschen-Raub. Es ist also eine Gemengelage.

Sie würden das Problem also nicht an Nationalitäten festmachen?

SAIMEH: Nein, das wäre viel zu kurz gegriffen und eine problematische Interpretation. Wenn Sie eine Million Menschen haben, dann haben Sie auch immer einen gewissen Prozentsatz von ohnehin gewaltbereiten, kriminellen oder auch sexuell gewalttätigen Personen. Das ist bei uns Deutschen nicht anders als in anderen Ländern. Wir nehmen das natürlich dann deswegen anders wahr, weil schwere Gewaltdelikte die gezeigte Willkommenskultur und Unterstützungsbereitschaft besonders irritieren. Außerdem bedeutet Migration, insbesondere jene, die ihre Ursachen in Flucht, Vertreibung und Not haben, eine besondere Belastung im Leben wegen der sozialen und kulturellen Entwurzelung. Das befördert gegebenenfalls auch ein Abgleiten in Kriminalität und den Strukturverlust im eigenen Leben.

Und die statistisch größte Gefahr lauert gar nicht draußen, sondern zu Hause?

SAIMEH: Ja, das Risiko für Gewalt ist im Nahbereich am größten. Seinen Lebenspartner sollte man sich genau aussuchen.

Es scheint manchmal schwer, Amokläufe und Terror zu unterscheiden – etwa in München oder Las Vegas. Wo verläuft die Abgrenzung?

SAIMEH: Neu ist, dass man diesen Unterschied nicht mehr anhand des reinen Tatgeschehens machen kann. Bei den Amokläufen hat ein individueller Täter eine individuelle Motivlage, beim Terror ist diese ideologisch aufgeladen.

Sowohl beim Amoklauf als auch beim Terror wird die Selbsttötung in Kauf genommen. Ist das ein relativ neues Phänomen?

SAIMEH: Die Kombination aus Tötung und Selbsttötung an sich ist nicht neu. Man denke an die japanischen Kamikaze-Piloten, oder daran, dass Amok früher eine Form der Wiederherstellung der eigenen Ehre war. Aber mit dem islamistischen Terror haben die Selbstmord-Attentate als Methode zugenommen – das gibt es etwa im Rechts- und Linksterrorismus nicht. Das liegt an dem Jenseitsbezug des Islamismus.

Was treibt die Amokläufer an?

SAIMEH: Bei ihnen liegt oft eine schwere narzisstische Störung vor. Bei jungen Tätern kann es auch eine Wesensveränderung im Rahmen einer beginnenden Schizophrenie sein.

Inwieweit spielen psychische Krankheiten generell bei Gewalttaten eine Rolle?

SAIMEH: Bei Tötungsdelikten haben etwa zehn Prozent der Täter eine schizophrene Psychose, in der Allgemeinbevölkerung leidet aber nur ein Prozent an Schizophrenie. Wenn Alkohol und Drogen dazu kommen, oder auch eine vorher bestehende Gewaltbereitschaft, steigt das Risiko stark.

Die meisten Täter sind aber schuldfähig?

SAIMEH: Ja. Wir haben in Deutschland 65 000 Plätze in Haftanstalten für voll schuldfähige Täter und 10 000 für psychisch kranke Straftäter in der forensischen Psychiatrie. Zur letzteren Gruppe gehören aber auch Straftaten, die keine Gewaltdelikte sind.

Haben sich diese Zahlen verändert?

SAIMEH: Es gibt mehr Plätze in der forensischen Psychiatrie, weil die Verweildauer dort angestiegen ist – von zwei auf acht Jahre. Das liegt an der Kriminalpolitik, die den Sicherungsauftrag sehr stark in den Vordergrund gestellt hat. Deswegen wurden viele Patienten in den letzten Jahren kaum noch entlassen.

Wie wird die Schuldfähigkeit festgestellt?

SAIMEH: Die Schuldfähigkeit kann nur eingeschränkt oder aufgehoben sein, wenn schwere psychische Erkrankungen vorliegen, also eine Schizophrenie, Manie oder Depression, deutliche Intelligenzminderung, Demenz oder schwere Persönlichkeitsstörungen beziehungsweise schwerwiegende sexuelle Abweichungen. Dazu ist eine gutachterliche Untersuchung notwendig. Sie dauert für gewöhnlich etliche Stunden und erstreckt sich oft über mehrere Termine.

Was könnte helfen, um der Gewaltkriminalität vorzubeugen?

SAIMEH: Erstens Alkohol- und Drogenkonsum junger Menschen zurückzudrängen – denn in dieser Gruppe ist das Gewaltrisiko ohnehin schon hoch. Die Sozialarbeit an Schulen und in Familien muss ausgebaut werden und Gewalt muss uncool sein. Wir brauchen dazu gut gemachte Werbekampagnen. Und die Therapie von Straftätern ist sehr wichtig, sei es im Strafvollzug oder in der forensischen Psychiatrie.

Sie sind gegen die Forderung „Wegsperren für immer“?

SAIMEH: In dieser pauschalisierenden Form ist sie rechtsstaatlicher Unfug und auch falsch. Wegsperren über das Strafmaß hinaus ist nur zulässig bei Fortbestehen einer besonderen Gefährlichkeit. Aber natürlich gibt es solche Menschen. Rund 500 Personen sitzen in der Sicherungsverwahrung. Viele von denen, die derzeit in Sicherungsverwahrung sind, können resozialisiert werden, ein kleinerer Teil sicherlich nicht. Das ist natürlich personalintensiv.

Und damit teuer...

SAIMEH: Ja. Aber die Gewaltkriminalität kommt uns noch teurer zu stehen – durch die Gerichtsverfahren, den Strafvollzug, den wirtschaftlichen Schäden an den Opfern und ihren Familien. Es mag zynisch klingen, das so zu ökonomisieren. Aber manche sind ja nur für solche Begründungen erreichbar. Und natürlich rechnet es sich auch menschlichen Gründen. Denn Gewalt erzeugt Leid. Und das zu vermeiden, ist ein Wert an sich.

 

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