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Drama um krankes Kind: „Für Charlie ist die Zeit abgelaufen“

Gestern wurde mit einem Urteil zum Fall des todkranken Charlie Gard gerechnet. Doch die Eltern kamen der Entscheidung zuvor – und nannten dafür einen Grund.
Hand in Hand gingen Chris Gard und Connie Yates gestern zum Londoner High Court. Foto: Matt Dunham (AP) Hand in Hand gingen Chris Gard und Connie Yates gestern zum Londoner High Court.
London. 

Vor dem Londoner Gericht schwebten den ganzen Mittag blaue Luftballons in den grauen Himmel in der Hoffnung, dass alles doch noch irgendwie gut werden würde. Rund zwei Dutzend Aktivisten sangen „Wir geben nicht auf“ und hielten Schilder in die Höhe, auf denen sie ihre Solidarität mit den Eltern von Charlie Gard ausdrückten. Aber als sich gegen 14.30 Uhr die überraschende Nachricht verbreitete, brachen einige in Tränen aus und setzten sich geschockt auf den Gehsteig: Nach einem fünfmonatigen juristischen Streit haben Chris Gard und Connie Yates ihren Kampf aufgegeben, den elf Monate alten Säugling für eine experimentelle und äußerst umstrittene Therapie in die USA zu bringen.

„Es ist das härteste, was wir je zu entscheiden hatten“, sagte die 31-jährige Mutter unter Tränen. „Charlie hatte eine wirkliche Chance, sich zu erholen.“ Doch nun sei es zu spät für die Therapie, der Schaden unumkehrbar. „Die Behandlung hätte ihm schon vor Monaten angeboten werden sollen.“

Chronologie einer schweren Entscheidung

  4. August 2016: Charlie Gard wird mit einer seltenen Erbkrankheit geboren.   11.

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Charlie leidet an mitochondrialer Myopathie, einer seltenen genetischen Krankheit, deren Heilung laut Experten und Medizinern, die das Baby begleitet haben, ausgeschlossen ist und die unterschiedliche Organe betreffen kann. „Für Charlie ist die Zeit abgelaufen“, so der Anwalt der Eltern. Ein weiterer Kampf würde ihm lediglich Schmerzen bereiten. Dabei hätten sie stets nur das Beste für ihren „süßen, umwerfenden und unglaublichen Jungen“ gewollt, sagte Connie Yate gestern in der emotionalen Anhörung.

Ethische Debatte

„Während die Eltern von Gericht zu Gericht zogen sowie eine beispiellose emotionale Kampagne via sozialer Medien führten und so rund 1,5 Millionen Euro an Spenden sammelten, liegt Charlie seit Monaten reglos in seinem kleinen Krankenbett. Ein Schlauch ragt aus seiner winzigen Nase. Seine Lunge funktioniert nicht selbstständig, weshalb er durch eine Maschine künstlich beatmet wird. Auch Nahrung erhält er durch eine Sonde. Ohne Hilfe kann er Arme und Beine nicht bewegen, kann nicht hören, schreien, lächeln oder weinen. Sein Gehirn ist stark beschädigt.

Um das Leiden nicht zu verlängern und Charlie in Würde gehen zu lassen, hatten die Mediziner beantragt, die lebenserhaltenden Geräte abzuschalten. Aus Verzweiflung fochten die Eltern diese Entscheidung juristisch an, doch mehrere Gerichte fällten ein Urteil im Sinne der Ärzte. Je länger man Charlie künstlich am Leben erhalte, desto „mehr Schmerz, Leid und Elend“ erwarte ihn, hieß es. Ende Juni stellte sich der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hinter die britische Justiz, weil es keine realistische Heilungschance gebe. Da war im Königreich längst eine Debatte über die ethische Seite des Falls entbrannt. Wer darf über das Leben des hilflosen Jungen entscheiden? Haben die Eltern ein Recht auf eine weitere Therapie? Dürfen Richter entscheiden, was lebenswert oder unlebenswert ist? Sogar US-Präsident Donald Trump und Papst Franziskus schalteten sich ein und drückten ihr Mitgefühl aus sowie deuteten Unterstützung an.

Kliniken in den USA und in Italien boten an, Charlie weiter zu behandeln. Politiker auf der Insel mussten ihre Meinung erklären. Die Klinik geriet zunehmend unter Druck. Es gab sogar Morddrohungen gegen das Personal, was Charlies Eltern scharf verurteilten. Das Londoner Krankenhaus sorgte dann selbst dafür, dass Richter neue Hinweise auf experimentelle Behandlungsmethoden erörterten. Gestern wurde mit einem Urteil gerechnet. Doch ob diese eine andere Entscheidung getroffen hätten als die Mediziner und Juristen zuvor, gilt als unwahrscheinlich. Nächste Woche würde Charlie Gard ein Jahr alt werden. Doch er wird seinen Geburtstag wohl nicht mehr miterleben.

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