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Gar nicht so trostlos

Weihnachtsbaumplantagen bieten einen eher trostlosen Anblick. In Reih und Glied wächst Tanne an Tanne – behandelt mit Insektiziden, Fungiziden und Herbiziden. Doch die Anbauflächen sind offenbar besser als ihr Ruf.
Osnabrück. 

Weihnachtsbaumplantagen sind nach Darstellung von Umweltschützern besser als ihr Ruf. „Weihnachtsbaumkulturen in einer intensiv genutzten Landschaft haben einen hohen Wert als Lebensraum für gefährdete Brutvogelarten“, teilte die Deutsche Bundesstiftung Umwelt am Montag mit.

Im Vergleich zu konkurrierenden Landnutzungstypen wie dem Intensivgrünland oder Fichtenforsten wiesen Weihnachtsbaumkulturen die größte Vielfalt und die höchsten Dichten gefährdeter Brutvogelarten auf, so die Erkenntnis. Untersucht wurde das mit 18 000 Hektar Anbaufläche größte Produktionsgebiet von Weihnachtsbäumen in Europa, das Sauerland.

Eigentlich haben Weihnachtsbaumplantagen einen schlechten Ruf. Gerade erst hat der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) vor einem vergifteten Fest gewarnt: Weihnachtsbäume in Deutschland seien vielfach mit Pflanzenschutzmitteln belastet. „Round up“, „Karate“, „Bulldock“ und Co landeten in Böden und Gewässern, sie schadeten Bienen und anderen Insekten, so die Naturschützer. Auch für Menschen seien gesundheitliche Gefahren nicht ausgeschlossen.

Viele junge Bäume

Demgegenüber kann die Bundesstiftung Umwelt zum Fest eine frohe Botschaft verkünden: Rote-Liste-Arten wie Baumpieper, Bluthänfling, Fitis, Goldammer und Heidelerche fühlen sich in den Plantagen offenbar sehr wohl. Es konnten „hohe Dichten“ nachgewiesen werden, teilte die Bundesstiftung unter Berufung auf eine Studie der Universität Osnabrück und der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen mit. Für die Heidelerche etwa ersetzen die Weihnachtsbaumkulturen die früher im Sauerland verbreiteten Heideflächen. Nach langem Niedergang konnten 2015 nach Angaben der Forscher wieder 400 Brutpaare im Hochsauerlandkreis gezählt werden.

Vorteilhaft für Flora und Fauna sei, dass Weihnachtsbaumproduzenten die Kunden jedes Jahr zur Weihnachtszeit mit frischen Bäumen versorgen müssen. Deshalb gebe es ein Mosaik aus Flächen mit unterschiedlich alten Bäumen und unterschiedlicher Vegetation – was für eine große Vielfalt an Insekten, Spinnen, aber auch von Kräutersamen als Ernährungsgrundlage für unterschiedliche Vogelarten sorge.

Obwohl die Anbaufläche für Weihnachtsbaumkulturen ständig wächst, seien ökologische Untersuchungen sehr selten, bemängelt der Landschaftsökologe Thomas Fartmann von der Uni Osnabrück. Zur biologischen Vielfalt auf solchen Flächen sei kaum etwas bekannt. Fest steht, dass der Einsatz von Dünger, Herbiziden (gegen Wildkräuter), Fungiziden (gegen Pilze) und teilweise Insektiziden (gegen Insekten) weit verbreitet ist.

Herbizide würden in aller Regel bei der Flächenvorbereitung und mindestens in den ersten drei bis vier Standjahren ausgebracht, weiß Fartmann. Er empfiehlt, eine noch intensivere Nutzung der Flächen zu unterbinden und den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu minimieren. Zugleich solle aber ein ausreichendes Angebot an Flächen mit offenem Boden gewährleistet bleiben. Darüber hinaus sieht der Professor dringenden Handlungsbedarf, um die ehemaligen Lebensräume der gefährdeten Arten wieder herzustellen. „Dies gilt in besonderer Weise für die Bergheiden als Lebensraum für die Heidelerche.“

700 Millionen Umsatz

25 bis 30 Millionen Weihnachtsbäume sorgen in Deutschland in jedem Jahr für festliche Stimmung; der allergrößte Teil stammt aus Weihnachtsbaumkulturen. Rund 700 Millionen Euro setzte die Branche im Jahr 2015 um. Dass das Sauerland zum größten europäischen Anbaugebiet wurde, ist eine Folge der europäischen Agrarpolitik. Die Einführung der Milchquoten in den 80er-Jahren in der damaligen Europäischen Gemeinschaft war der „Geburtshelfer“, so Fartmann. Weil Grünland nicht mehr als Weideland benötigt wurde, sei es in Weihnachtsbaumkulturen umgewandelt worden. Die räumliche Nähe zum Absatzmarkt Ruhrgebiet und die günstigen Umweltbedingungen – relativ nährstoffarme Böden, kühles Mittelgebirgsklima und eine kurze Vegetationsperiode – erwiesen sich als Vorteile.

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