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Plötzensee: Gefängnis als „Haus der offenen Tür“

Ein paar Jahre war Ruhe. Der letzte Gefängnisausbruch in Berlin geschah 2014. Aber Ende 2017 und Anfang 2018 kam es dann heftig für die Justiz und den Senat. Warum lassen sich Ausbrüche nicht verhindern?
Sieht gut bewacht und ausbruchssicher aus, ist es aber nicht: die Berliner Justizvollzugsanstalt Plötzensee. Foto: Paul Zinken (dpa) Sieht gut bewacht und ausbruchssicher aus, ist es aber nicht: die Berliner Justizvollzugsanstalt Plötzensee.
Berlin. 

Eine derartige Ausbruchsserie aus einem deutschen Gefängnis ist selten – und lässt den Druck auf Berlins Justizsenator weiter steigen. Neun Gefangene verschwinden innerhalb von fünf Tagen aus dem Gefängnis Plötzensee im Nordwesten Berlins. Die Opposition spricht hämisch vom „Haus der offenen Tür“. Besonders peinlich für Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne): Nach dem spektakulären ersten Ausbruch von vier Männern am Donnerstag hatte er verstärkte Sicherheitsvorkehrungen angekündigt. Dann flohen direkt nach dem Ausbruch sowie am Samstag und Sonntag je ein Häftling aus demselben Gefängnis. Am Montag kletterten zwei weitere Ausreißer aus dem Fenster einer Nachbarzelle.

Diese letzten fünf geflohenen Häftlinge saßen allerdings im sogenannten offenen Vollzug mit genehmigtem Ausgang und weniger strengen Sicherheitsvorkehrungen. Oft gibt es keine Gitter vor den Fenstern und auch keine Zäune. Diese „Entweichungen“ sind daher streng genommen keine Ausbrüche.

Keine Schwerkriminellen

Behrendt verwies darauf, dass in den vergangenen Jahren allein aus dem offenen Vollzug in Plötzensee jeweils zwischen zehn und 43 Häftlinge entwichen. Dabei ging es oft um Menschen, gegen die eine sogenannte Ersatzfreiheitsstrafe verhängt wurde, weil sie eine Geldstrafe nicht bezahlen konnten. Häufig sind das Schwarzfahrer und keineswegs Schwerkriminellen. Einer dieser Männer wurde von der Polizei gefasst. Auch von den ersten vier Ausbrechern stellte sich am Dienstag einer zusammen mit seinem Anwalt. Nach den sieben verbliebenen Männern fahndet die Polizei.

Die Berliner Opposition aus CDU, AfD und FDP fordert den Rücktritt von Behrendt, der mit dem Senat aus SPD, Linken und Grünen erst ein Jahr im Amt ist. Auch ein Abgeordneter des Koalitionspartners SPD twitterte ungewöhnlich deutlich: „Rekord. Wer will nochmal, wer hat noch nicht? Das wäre eigentlich ein Rücktrittsgrund für einen Justizsenator“.

Besonders der Ausbruch vom Donnerstag hatte für Aufsehen gesorgt. Die Männer zwischen 27 und 38 Jahren flohen aus einem Heizungsraum neben der Werkstatt, in der sie arbeiteten. Mit einem Hammer zertrümmerten sie einen Betonpfosten in einer Lüftungsöffnung. Dann sägten sie die Stahlverstärkung unter dem Beton mit einem Trennschleifer durch, zwängten sich ins Freie. Eine Kamera filmte die Aktion. Trotzdem wurde zu spät Alarm ausgelöst.

Es fehlt Personal

Eigentlich gelten die Berliner Gefängnisse angesichts von mehr als 4000 Häftlingen und seltenen Ausbrüche als sicher. Aber viele der oft mehr als hundert Jahre alten Gebäude haben unübersichtliche Ecken. Senator Dirk Behrendt gibt zu: „Sie würden so heute nicht mehr gebaut.“ Der Bund der Strafvollzugsbediensteten sieht einen Sanierungsbedarf von 400 bis 500 Millionen Euro. Außerdem fehle Personal. „Sogenannte innere Sicherheitsrunden werden gar nicht mehr gelaufen“, sagt der Landesverbandschef Thomas Goiny.

Zwar werden die meisten Ausbrecher gefangen und verlieren Privilegien wie den offenen Vollzug, einen guten Arbeitsplatz im Gefängnis oder die vorzeitige Entlassung. Die Flucht selbst ist in Deutschland aber nicht strafbar. Schon lange verzichtet der Gesetzgeber auf einen entsprechenden Paragrafen, weil es einen natürlichen Freiheitsdrang des Menschen gibt.

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