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Interview mit Kira Grünberg: Gelähmte Stabhochspringerin Grünberg: „Nichts ist unmöglich“

Vor einem Jahr hatte die österreichische Stabhochspringerin und Leichtathletin Kira Grünberg einen schweren Unfall und ist seitdem querschnittsgelähmt. Darüber schrieb sie ein Buch, das am vergangenen Samstag erschienen ist. Im Gespräch mit Redakteurin Pia Rolfs erklärt die 23-Jährige, warum man nie aufgeben darf.
Begeistert verfolgte Kira Grünberg im Juli 2016 die Leichtathletik-Europameisterschaften in Amsterdam. Foto: Michael Kappeler (dpa) Begeistert verfolgte Kira Grünberg im Juli 2016 die Leichtathletik-Europameisterschaften in Amsterdam.

Ihr Leben war vom Stabhochsprung geprägt. Inwiefern hat Ihnen der Leistungssport geholfen, mit den Unfallfolgen fertig zu werden?

GRÜNBERG: Ich bin gewohnt zu trainieren. Seit dem Unfall absolviere ich nun auch wieder Trainingseinheiten, nicht so viele und nicht so lange wie früher – aber gerade im Rollstuhl ist es wichtig, dass man sich fit hält. Auch Körpergefühl habe ich im Sport entwickelt. Dadurch weiß ich etwa, ob ich im Rollstuhl schief sitze, obwohl ich es nicht wirklich spüre.

Ähnlich wie Samuel Koch, der bei „Wetten, dass..?“ verunglückte, erfuhren Sie viel Unterstützung von Ihrer Familie. Wie wichtig war das für Sie ?

GRÜNBERG: Extrem wichtig. Ohne meine Familie wäre ich aufgeschmissen gewesen. Sie hat sehr viel organisiert. So konnte ich mich ganz auf die Regeneration konzentrieren. Für die Familie ist es inzwischen ganz normal, mir zu helfen. Da hat jeder seine Rolle gefunden.

Haben Sie Samuel Koch einmal kennengelernt?

GRÜNBERG: Wir kennen uns nicht persönlich, aber seine Mutter hat meine Mutter nach dem Unfall angerufen, und sie reden immer mal wieder miteinander.

Sie schreiben, dass Sie sehr schnell Ihre Behinderung akzeptiert haben, ohne in ein schwarzes Loch zu fallen. Gab es wirklich keine Momente, in denen Sie dachten, es nicht zu schaffen?

GRÜNBERG: Es gibt immer Momente, in denen ich nicht so gut aufgelegt bin – aber die gab es früher genauso. Ich habe aber nie darüber geweint, dass ich jetzt im Rollstuhl sitze. Mit dieser Situation kann man ganz gut leben. Manchmal sind es andere Dinge, die mir zu schaffen machen. Ich glaube zum Beispiel zu wissen, was gut für meinen Körper ist. Wenn ich das aber gegenüber Ärzten oder Physiotherapeuten nicht durchsetzen kann, fühle ich mich machtlos.

Was sind die größten Fortschritte seit Ihrem Unfall?

GRÜNBERG: Dass ich meine Arme im Großen und Ganzen wieder bewegen, selbständig meinen Rollstuhl fahren und mir die Zähne putzen kann.

An einer Stelle des Buches erklären Sie, dass Sie von Tag zu Tag gedacht haben. Ist das ein Weg, um sich großen Aufgaben zu stellen?

GRÜNBERG: Ja. Manchmal habe ich gar nicht verstanden, warum ich eine Übung machen soll – und erst viel später hat sich gezeigt, wofür die ganzen kleinen Schritte notwendig waren. Deswegen habe ich irgendwann nicht mehr so weit vorausgeblickt. Ich habe mir gesagt: Wenn ich zufrieden bin, wie der heutige Tag gelaufen ist, kann der morgige nur besser werden.

Welche Herausforderungen müssen Sie noch bewältigen?

GRÜNBERG: Ich muss noch mehr Kraft bekommen. Das große Ziel ist, dass ich im nächsten Jahr selbst vom Rollstuhl ins Bett wechseln kann. Es geht darum, selbständiger zu werden und weniger Pflege zu benötigen. Manchmal fordern einen natürlich auch alltägliche Kleinigkeiten heraus, etwa wenn es viele Stufen gibt und kein Lift in der Nähe ist.

Sie haben sich nach dem Unfall nicht zurückgezogen, sondern dem Medieninteresse gestellt und werden es mit ihrem Buch wieder tun. Ist das auch ein Weg der Bewältigung?

GRÜNBERG: Ja, es war schön, beim Schreiben auf die guten Zeiten beim Sport zurückzublicken. Aber auch das häufige Reden über den Unfall dient dazu, ihn zu verarbeiten – dann sieht man das Geschehen mal aus einem anderen Blickwinkel. Das hat mir psychisch geholfen. Durch das Medieninteresse habe ich nach dem Unfall viele Spendengelder bekommen. Dafür bin ich sehr dankbar. Sonst wäre der behindertengerechte Umbau zu Hause nicht möglich gewesen.

Sie schreiben, dass Sie glücklich sind. Was macht für Sie heute ein glückliches Leben aus?

GRÜNBERG: Wenn man jeden Tag genießen kann. Wenn man mit dem, was man hat, zufrieden ist und keinen Neid verspürt.

Es fällt Ihnen also nicht schwer, andere Stabhochspringer zu sehen?

GRÜNBERG: Nein, überhaupt nicht. Darüber freue ich mich. Erst am Wochenende war ich auf einem Diamond-League-Treffen in Paris, da habe ich bei den Athleten gesessen und konnte alles live verfolgen.

Laut Ihrem Buch erwägen Sie, Motivationsvorträge zu halten. Wäre „Wir schaffen das“ etwas, das Sie anderen Menschen mit Querschnittslähmung sagen möchten?

GRÜNBERG: Ja. Nichts ist unmöglich – und gemeinsam geht viel mehr voran. Wenn mehr Leute ihre Stimme erheben und etwas verändern wollen, dann wird sich vielleicht auch die Forschung mehr um die Menschen mit Querschnittslähmung kümmern.

Glauben Sie, dass da in absehbarer Zeit Fortschritte erzielt werden?

GRÜNBERG: Ich glaube schon, aber es wird noch dauern. Vielleicht findet man in zehn bis 20 Jahren eine Möglichkeit, frisch Verletzte direkt nach dem Unfall zu heilen und Lähmungen zu vermeiden. Mich wird das nicht mehr betreffen, weil ich dann schon zu lange im Rollstuhl sitze. Aber es wäre schön, wenn sich in dieser Richtung etwas bewegen würde.

Kira Grünberg: Mein Sprung in ein neues Leben. Edition a Verlagsgesellschaft, Wien 2016, 21,90 Euro.

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