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Glücksserie: Glück braucht Bauchgefühl

Die Geburt des eigenen Kindes ist für viele Menschen der glücklichste Moment ihres Lebens. Doch hohe gesellschaftliche Erwartungen und mangelnde Bereitschaft zur Veränderung können das Elternglück trüben, weiß Hebamme Susanne Otte-Seybold aus Bad Vilbel. Im Gespräch mit Redakteurin Pia Rolfs erklärt sie, warum das Glück sich manchmal auch hinter einer Raupe verbergen kann.
Mit Störchen und Kissen schafft Susanne Otte-Seybold eine Atmosphäre, in der sich werdende Mütter wohlfühlen sollen. Foto: JOACHIM STORCH (Pressefotografie Storch, Bad Hg.) Mit Störchen und Kissen schafft Susanne Otte-Seybold eine Atmosphäre, in der sich werdende Mütter wohlfühlen sollen.

Haben Sie den Beruf einer Hebamme gewählt, weil eine Geburt etwas mit Glück zu tun hat?

OTTE-SEYBOLD: Damals stand das Glück nicht im Vordergrund. Ich wollte eher den Frauen zur Seite stehen. Aber heute macht der Beruf mich glücklich. Eine Geburt hat zwar immer auch einen Krisenmoment, weil die Frau zwischendurch nicht mehr will. Aber es zeigt auch, dass es sich lohnt, für das Glück zu arbeiten, dass man dafür immer in der Regel durch Krisen gehen muss. Nur dadurch werden wir stark. Ein rein angenehmes Leben macht egoistisch.

Empfinden Sie denn selbst immer wieder Glück, wenn ein Kind auf die Welt kommt?

OTTE-SEYBOLD: Ich bin ja bei der Entbindung nicht mehr dabei, die wird heute üblicherweise von den Kolleginnen in der Klinik betreut. Aber ich betreue die Mütter vorher und nachher. Und die werdenden und frisch gebackenen Eltern sind oft so glücklich, das fühlt man natürlich mit. Jedenfalls wenn es stimmige Verhältnisse sind.

Welche Faktoren können denn dazu beitragen, dass es nicht stimmt?

OTTO-SEYBOLD: Bei den Eltern treffen zwei Menschen mit einer eigenen Historie aufeinander, die mehr oder weniger geplant in das Familienleben starten und dabei manchmal auch mit Krisensituationen umgehen müssen. Alle wollen natürlich glücklich sein, aber die Frage ist, was sie selbst wollen und was der gesellschaftliche Rahmen so vorgibt.

Stehen die Eltern da mehr unter Druck als früher?

OTTE-SEYBOLD: Ganz deutlich. Sie sind auch verunsicherter. Die gesellschaftlichen Veränderungen und die eigenen Ansprüche an ihre Lebensgestaltung müssen neu gegriffen werden, und so geraten Paare oft mal in die Krise.

Werden die Belastungen unterschätzt?

OTTE-SEYBOLD: Ich bin wirklich total begeistert von Babys und Kindern. Aber sie fordern ihre Eltern enorm. Und manche sehen es als eine Art Lifestyle, dass ein Kind zum Leben dazugehört. Es ist ihnen nicht bewusst, was Familie und Kinderhaben wirklich bedeutet. Ein Kind ist nicht wie eine 38-Stunden-Woche, bei der man Wochenende und Freizeit hat. Ich glaube, dass viele in unserer Gesellschaft eine große Anspruchshaltung haben. Wir müssen heute kaum noch etwas aushalten, Jobs und Beziehungen werden gewechselt. Bei Kindern geht das eben nicht, die kann man nicht zurückgeben. Ich glaube, wir werden als Gesellschaft schlechter darin, Beziehungen auszuhalten.

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Serie Teil 9

Sind Eltern glücklicher, wenn sie sich auf diese Belastungen vorbereiten?

OTTE-SEYBOLD: Man kann sich das Leben mit dem Kind vorher im wirklichen Ausmaß gar nicht vorstellen. Denn diese Erfahrung ist anders als alle anderen, die man vorher im Leben gemacht hat. Die kann auch zwei Erwachsene, die sonst gut im Leben stehen, völlig überraschend an den Rand ihrer Kräfte bringen. Aber im Vorfeld ins Gespräch kommen und sich schon mal mit den Ansichten des Partners in Bezug auf Erziehungsziele vertraut machen, macht schon wirklich Sinn.

Was ist mit dem Glück der Kinder?

OTTE-SEYBOLD: Die Eltern tun aus ihrer Sicht alles für ihre Kinder, überschlagen sich geradezu. Aber oft fehlen den Kindern die Freiräume. Vielleicht möchte ein Dreijähriger einfach nur mit den Füßen im Bach spielen. Häufig benennen die größeren Kinder das sehr genau. Sie wünschen sich oft einfach mehr gemeinsame, ungestörte Zeit mit ihren Eltern.

Müssen Sie den Eltern also Dinge beibringen, die früher selbstverständlich waren?

OTTE-SEYBOLD: Ja, das Bauchgefühl ist vielen abhanden gekommen. Es wird alles im Internet nachgelesen. Und statt das Lächeln des Kindes zu genießen, blicken viele auf ihr Smartphone.

Wie versuchen Sie denn, zum Elternglück beizutragen?

OTTE-SEYBOLD: Ich versuche die Eltern dafür zu sensibilisieren, was ihnen das Kind zeigen will. Sie sollten lernen, mal spontan zu sein. Das Glück liegt auch manchmal darin, dass man morgens nicht genau weiß, was man bis zum Abend tun wird – weil das Kind vielleicht eine Raupe findet. Eltern müssen bereit sein, sich zu verändern. Das Baby nimmt die Welt ganz anders als seine Eltern wahr. Das muss man sicher lernen, dort anzuknüpfen und zu verstehen. Dann hält das Glück lange und geht über den ersten Zauber des Babys nach der Geburt hinaus. Selbst den gibt es ja nicht immer, wenn man etwa die Fälle von Wochenbettdepression sieht.

Zur Person: Susanne Otte-Seybold

Susanne Otte-Seybold, 1963 in Haan bei Düsseldorf geboren, machte ihre Ausbildung zur Hebamme von 1984 bis 1987. Seit 1995 arbeitet sie als selbstständige Hebamme in Vilbel. Sie ist 2.

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Wie viele Frauen leiden denn daran?

OTTE-SEYBOLD: 50 bis 80 Prozent haben ein Stimmungstief in den ersten Tagen nach der Geburt, zehn bis 20 Prozent später eine Wochenbettdepression. Da ist es natürlich gut, wenn sie eine Hebamme an der Seite haben, der sie sich anvertrauen können. Denn die Umwelt versteht das oft nicht. Die gesellschaftliche Erwartung an das Mutterglück ist hoch.

Es gibt auch Menschen, die keine Kinder bekommen können oder wollen. Kann man auch ohne Kinder glücklich sein?

OTTE-SEYBOLD. Natürlich. Man kann sein Glück nicht am Kind festmachen. Man muss das Glück in sich tragen und die Bereitschaft, es im Alltag zu empfinden.

Wenn Sie Glück in einem Satz definieren müssten, wie würde der lauten?

OTTE-SEYBOLD: Glück ist für mich, wenn das innere und das äußere Wohlbefinden aufeinandertreffen und ich mir dessen bewusst bin.

Im nächsten Teil lesen Sie ein Interview mit der Hochzeitsplanerin Friederike Mauritz über den glücklichsten Tag des Lebens.

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