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„Immer gern geturnt“

Edelgard Huber von Gersdorff hat Weltkriege, Kaiser, Hitler und die Demokratie erlebt. Wie wird man 112 Jahre alt? „Schicksal“, sagt sie lapidar. Dabei meinte das Schicksal es gar nicht immer gut mit ihr.
Die gebürtige Thüringerin Edelgard Huber von Gersdorff feierte gestern in ihrer Wohnung in Karlsruhe ihren 112. Geburtstag. Foto: Christoph Schmidt (dpa) Die gebürtige Thüringerin Edelgard Huber von Gersdorff feierte gestern in ihrer Wohnung in Karlsruhe ihren 112. Geburtstag.
Karlsruhe. 

„Wer kommen will, kann kommen“, sagt Edelgard Huber von Gersdorff. Kein Wunder, dass die Wohnung der Karlsruherin voll ist. Die wohl älteste Deutsche feierte gestern ihren 112. Geburtstag – aufgetischt wurden Tomatencremesuppe und Kalbsmedaillons mit Semmelknödeln. Neben Verwandten und Bekannten hatte sich für den Nachmittag Oberbürgermeister Frank Mentrup (SPD) angesagt – mit den besten Wünschen von Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne). Die Jubilarin lässt sich feiern, fotografieren und beantwortet geduldig Fragen neugieriger Journalisten.

Sie hat schließlich ganz anderes erlebt: Kaiserreich und Weimarer Republik, Nazizeit, Bundesrepublik und Wiedervereinigung. Das haben andere auch. Aber kaum eine wurde so alt wie sie. Bei den Statistischen Ämtern gibt es keine gesicherten Daten – als längste Lebensspanne einer Frau gelten weltweit 117 Jahre. Die 117-jährige Jamaikanerin Violet Brown starb im September und war damit fünf Monate lang die älteste Frau der Welt.

Wie hat Edelgard Huber von Gersdorff so ein langes Leben geschafft? „Das ist Schicksal“, sagt sie. Und das schien es nicht immer so gut mir ihr zu meinen. 1905 in Thüringen als Kind einer Offiziersfamilie geboren und als Jugendliche nach Karlsruhe gezogen, erkrankte die leidenschaftliche Sportlerin als junge Frau an Kinderlähmung. Doch sie biss sich durch und lernte mühsam wieder laufen. Sie trieb weiter Sport, fuhr Fahrrad und studierte. Zuerst Chemie, dann Jura. Bis zur Rente arbeitete sie als Justiziarin bei einer Bank.

Handtasche half ihr

„Damit das gelähmte Bein beim Laufen nicht so viel Schwung bekommt, hat sie sich angewöhnt, immer ihre große Handtasche dagegen zu halten“, hieß es in einem Bericht des Portals „wort- und ideenreich“ zu ihrem 100. Geburtstag. Ein Leben, das auch Oberbürgermeister Mentrup beeindruckt. Bei seinen Besuchen hat er sie als „immer noch wache Beobachterin des aktuellen Geschehens in unserem Land und in der Welt“ erlebt. Beim letzten Mal hat sie ihm das Anliegen mit auf den Weg gegeben, Flüchtlinge in Deutschland aufzunehmen.

Am Weltgeschehen ist sie noch immer interessiert. Noch bis vor zwei, drei Jahren ging sie ihren Hobbys nach: Opern- und Theaterbesuche sowie Gedichte schreiben. Inzwischen sei ihr das zu mühselig, sagt sie. Doch informiert sie sich noch täglich übers Radio.

Das Alter fordert jedoch seinen Tribut. Nach dem Tod ihres Mannes vor drei Jahrzehnten hat sie allein in ihrer Wohnung gelebt. Inzwischen ist sie auf ständige Hilfe angewiesen. Sie sitzt im Rollstuhl, die Augen machen nicht mehr mit. „Ich muss mir vorlesen lassen.“

Größter Wunsch unerfüllt

Auf dem Geburtstagstisch stehen Blumen und Torten. Und es gibt Geschenke, natürlich. Ihr größter Wunsch dürfte da nicht dabei sein: „Eine Maschine, die einen im Bett herumdreht. Ich bin ja gelähmt.“

Dafür macht der Kopf zum Glück noch mit. Und noch etwas geht: „Turnen war immer meine größte Leidenschaft“, erzählt sie. Auch mit 112 Jahren macht sie – inzwischen mit Hilfe – noch eisern täglich Muskelübungen.

Zu dem Ruhm, die älteste Frau Deutschlands zu sein, sagte sie dem SWR, sie wäre lieber die gescheiteste Frau Deutschlands – schließlich habe sie immer gerne gelernt. Für das Älterwerden habe sie dagegen nichts getan: „Es ist Glückssache.“

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